Forderungspapier: Berufsintegration pädagogisch qualifizierter Fachkräfte mit Fluchterfahrung voranbringen

Aktuelle Situation

Der Erzieher*innenberuf ist stets unter den häufigsten Referenzberufen in der beruflichen Beratung durch das IQ-Netzwerk (www.netzwerk-iq.de) in Berlin vertreten, was sich auch mit den Auswertungen der bundesweiten Erhebungen deckt:

  • Über ein Drittel der bundesweiten Beratungstätigkeit des IQ-Netzwerks (seit August 2012) erfolgte im Bereich "Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung.
  • Mehr als die Hälfte der durch das IQ-Netzwerk Beratenen verfügt über mindestens einen Hochschulabschluss und über sechs Jahre Berufserfahrung.
  • Fast ein Viertel aller Anfragen (gem. IQ-Netzwerk) erfolgt zu landesrechtlich reglementierten Berufen.

Die EU forderte bereits 2012 die Mitgliedstaaten auf, bis 2018 "nationale Regelungen für eine Anerkennung informellen und non-formalen Lernens zu entwickeln".

Seit August 2013 haben Kinder ab dem Alter von einem Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, was zu einem enormen Ausbau an Kitas in Berlin und einem ebenso hohen Fachkräftemangel führte. Der Betreuungsschlüssel liegt in Berlin bei bis zu 1:9,9 im Krippen- und bis zu 1:14,7 im Elementarbereich. Damit sind die Bedingungen im Land Berlin weit schlechter als der Bundesdurchschnitt. Dieser liegt bei 1:5,9 in der Krippe und 1:8,8 im Kindergarten. Dadurch verliert der Erzieher*innenberuf in Berlin an Attraktivität und Träger müssen intensiv um Fachkräfte werben.

Aufgrund der zunehmenden Zahlen von Kindern mit Fluchterfahrung werden in der Praxis dringend Kultur- und Sprachmittler benötigt. Natürliche Mehrsprachigkeit von Kindern soll, nach Aussage der Politik, verstärkt berücksichtigt werden und Wertschätzung finden und es werden Bezugspersonen in der Muttersprache im Kindergarten gefordert.

Handlungsbedarf und zentrale Forderungen

  • Es besteht dringender Bedarf der Modernisierung des Asyl- und beruflichen Anerkennungsverfahrens, um eine bessere Integration zu ermöglichen. Qualifizierte Fachkräfte erhalten kaum Informationen und stoßen an scheinbar unüberwindbare Grenzen.
  • Es gilt, die Bedarfe Geflüchteter in der Kitapraxis zu erkennen und ihnen zu begegnen, bevor die Segregation Geflüchteter in Deutschland zum Alltag wird.
  • Es müssen zielgruppen- und bedarfsgerechte Mechanismen der Berufsintegration entwickelt werden: Anstelle von "Herabqualifizierung" müssen Anpassungsqualifizierung ermöglicht, bestehende Qualifikationen anerkannt und eine praxisorientierte pädagogische Kompetenzanalyse durchgeführt werden.
  • Anstelle gängiger "Verfahren für die Zielgruppe" sollte die Partizipation der Zielgruppe in den Fokus rücken.
  • Zugunsten des gesellschaftlichen Zusammenhalts gilt es einen Perspektivwechsel in der Integrationsdebatte zu fördern: von einer "Wohltätigkeitsdebatte" hin zu einer Erfassung und Nutzung professioneller Ressourcen.
  • Berufsintegrative Maßnahmen sollten in Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft und Praxis entwickelt und umgesetzt werden, die pädagogische Standards weder mindern noch vernachlässigen, sondern sie dem aktuellen Bedarf anpassen und um die besonderen Fachkompetenzen von Pädagoginnen und Pädagogen aus dem Ausland erweitern.
  • Kinder sollten im Kindergarten auf eine moderne, diverse und multikulturelle Gesellschaft vorbereitet und ihnen entsprechende Kompetenzen vermittelt werden. Ihre Individualität und individuellen Bedürfnisse sollten auch in Hinblick auf ihre Herkunft(-sprache) berücksichtigt und wertgeschätzt werden.
  • Die Politik sollte handeln und durch die Integration pädagogischer Fachkräfte eine "Bildungs- Kettenreaktion für Integration" in der Gesellschaft ermöglichen:
    a) Kitas können mit Hilfe von Kultur- und Sprachmittler*innen Kinder mit Fluchterfahrung besser auffangen und integrieren. Auf diese Weise konsolidieren sie zudem ihr pädagogisches Verständnis gelebter Diversität;
    b) In den pädagogischen Arbeitsmarkt integrieren bedeutet, in die nächste Generation zu investieren, denn das Bildungsniveau von Müttern beeinflusst nachweislich das ihrer Kinder und prägt ihre kulturelle Integration nachhaltig;
    c) Es arbeiten vorwiegend Frauen im Erzieher*innenberuf, die es zu fördern gilt. Sie und ihre Familien erfahren gesellschaftliche Integration durch Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Sprachintegration, als Schlüsselfunktionen der Sozialintegration.


Informationen zu beruflicher Integration bei FRÖBEL:
www.froebel-gruppe.de/berufliche-integration-gefluechteter