Aktuelles 27. März 2019 · sl

Bildungsbauten für Kinder

Ein Interview mit der Architektin Prof. Dr. Natascha Meuser von der Hochschule Anhalt in Dessau über Kindergarten-Architektur und die Kooperation mit FRÖBEL.

Entwurf für den FRÖBEL-Kindergarten Traumzauberbaum, © Natascha Meuser

In letzter Zeit stolpert man immer mehr über bemerkenswerte Architektur im Bereich Kindergärten und Schulen. Erleben wir hier gerade einen Trend?

Bauen für Kinder ist eine Boombranche. Nach Schätzungen der Experten fehlen derzeit bundesweit nahezu 300.000 Betreuungsplätze und damit auch gebauter Raum. Gleichwohl hat sich kaum eine Bautypologie in den vergangenen Jahren so rasant verändert und weiterentwickelt wie Bildungsbauten für Kinder.

Flexibilität, Sicherheit und Barrierefreiheit bedingen neben den aktuellen technischen, energetischen und ökologischen Standards dabei auch innovative bauliche Lösungen, weit über die Baukonstruktion hinaus.

Diesem Thema widmen Sie sich nun in Zusammenarbeit mit FRÖBEL. Welche Idee steckt dahinter? Und was haben Sie bisher gemeinsam umgesetzt?

Angeregt durch Kai Korn, Geschäftsleiter bei FRÖBEL für die Region Rhein-Main, widmete sich die Hochschule Anhalt gemeinsam mit FRÖBEL dieser Bauaufgabe in Form eines Entwurfsseminars und behandelte Kindertageseinrichtungen aus architektonischer Sicht.

Ziel war es, durch die kulturgeschichtliche Entwicklung der Bildungsbauten für Kinder zu führen, Gestaltungsaufgaben zu definieren und bauliche Qualitätsstandards zu formulieren. In Form eines lehrenden Forschens wurden Planungsparameter sowie räumliche Organisationsmodelle erarbeitet, die in einem konkreten Entwurf umgesetzt und dargestellt wurden.

Forschendes Lernen wird im Fachgebiet Innenraumplanung als ein ergebnisoffener, fächerübergreifender Prozess betrachtet, dessen Grundlage immer auch Theorie, Geschichte und das Wissen um eine Bautypologie ist.

Also bringt die Innenraumplanung für einen Kindergarten besondere Herausforderungen mit sich?

Ja, nach dem eigenen Zuhause ist der Kindergarten oft das erste Gebäude, dessen Architektur sich fest ins Gedächtnis einprägt. Im Kindergarten erleben Kinder sich selbst zum ersten Mal außerhalb des Elternhauses als aktives Mitglied der Gemeinschaft. Da sind die Organisation und Gestaltung des Gehäuses, in dem diese Persönlichkeitsbildung stattfindet, besonders wichtig.

Zu diesen Herausforderungen diskutierte auch die Erziehungswissenschaftlerin Elisa Steinfeldt mit den Studierenden. Sie arbeitet bei FRÖBEL als Referentin im Bereich Pädagogik und Qualitätsentwicklung und verdeutlichte unter anderem, dass Kindergärten den Bedürfnissen aller Kinder gerecht werden müssen.

Deshalb sollten Räume mit ihrem Zweck klar definiert sein, innerhalb dessen jedoch eine flexible Nutzung für Kinder und Erwachsene erlauben. Sie müssen das Spielen, Explorieren und Tätigsein von Kindern anregen aber auch Orte für Rückzug und Ruhe ermöglichen. Und vor allem sollten sie natürlich Geborgenheit und Sicherheit geben.

Heißt das, die Architektur selber muss sich kaum ändern – sofern man die bewährten Regeln der Raumkunst befolgt? Man hört ja immer wieder vom „Raum als drittem Pädagogen“.

Gestalteter Raum hat immer eine Wirkung auf den Menschen. Dennoch sollte dem Gebäude eine Rolle als Pädagoge nicht zugeschoben werden, schließlich setzen die gebäudekundlichen Anforderungen voraus, dass die Planungsparameter auf den Maßstab und den Habitus des Kindes und des erwachsenen Menschen abgestimmt wurden.

Die Pädagogik sollte sich in jedem gut gestalten Raum selbstverständlich frei entfalten können.

Für das Entwurfsseminar wurde ein FRÖBEL-Kindergarten mitten in Berlin ausgesucht, der auch schon einiges an Wandel erlebt hat. War das für die Beteiligten vielleicht dadurch besonders spannend?

Die Lehrveranstaltung wurde von mir und M.A. Quangduc Nguyen vom Lehrgebiet Innenraumplanung in Zusammenarbeit mit Kai Korn durchgeführt. Grundlage für den Entwurf bildete der FRÖBEL-Kindergarten Traumzauberbaum in Berlin-Mitte. Er wurde Ende der Sechzigerjahre als Typenprojekt der Typenserie 66 in Modulbauweise errichtet und ist inzwischen in die Jahre gekommen. Die Räumlichkeiten für bis zu 250 Kinder entsprechen nicht mehr den Anforderungen an den zeitgenössischen Betrieb einer Kindertageseinrichtung.

Im Fokus stand die Frage, inwieweit der Bestandsgrundriss heute noch eine Gültigkeit besitzt. In Form eines eigenen Entwurfs sollte die H-förmige Anlage um einen Erweiterungsbau im Innenhof ergänzt werden. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Baubestand ist Grundlage jeder Architektenausbildung und stand auch hier im Fokus der Bearbeitung. Die Erstellung eines entsprechenden Raum- und Funktionsprogramms war Teil der abgefragten Leistung.

Die Arbeiten wurden in einer Ausstellung präsentiert und mit Expertinnen und Experten diskutiert. Zwei Entwürfe kamen gar in eine engere Wahl und haben die Möglichkeit bald realisiert zu werden.

Die Zusammenarbeit wird damit aber noch nicht zu Ende sein. Können Sie schon einen kleinen Ausblick geben, wie es weitergeht?

Tatsächlich sind weitere Projekte bereits in Bearbeitung. Im Sommer 2019 erscheint zum Beispiel das erste gemeinsame Buchprojekt in Kooperation mit der FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH und DOM publishers: "Handbuch und Planungshilfe Krippen, Kitas und Kindergärten". 

Zur Person:

Natascha Meuser, Architektin BDA DWB, geboren 1967 in Erlangen.
Professorin an der Hochschule Anhalt, Lehrgebiet Innenraumplanung. Studium in Rosenheim (Innenarchitektur) und in Chicago am Illinois Institute of Technology (Architektur). Promotion an der Technischen Universität Berlin. Zahlreiche Publikationen im Bereich Darstellungsmethodik und Zeichenlehre für Architekten sowie bauhistorische Forschungen zum Thema Architektur und Zoologie.

www.nataschameuser.com

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