Aktuelles · Politik und Gesellschaft 31. Oktober 2019 · HO/BS

"Die Kinder von heute sind die Gesellschaft von morgen."

Radikale Thesen und viel Nachdenklichkeit beim 9. Plenum Frühpädagogik von FRÖBEL und der Stiftung Haus der kleinen Forscher - mit Bildungsforscher Prof. Dr. Andreas Schleicher

Impulsvortrag von Prof. Dr. Andreas Schleicher beim 9. Berliner Plenum Frühpädagogik

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem umfassenden Wandlungsprozess. Heutige Kita-Kinder werden mit Abschluss ihrer Ausbildung in etwa 20 Jahren eine völlig andere Lebens- und Arbeitswelt vorfinden. Sie werden sich ganz neuen Herausforderungen stellen müssen: der Digitalisierung und dem Einfluss von künstlicher Intelligenz, den Folgen des Klimawandels und dem Zusammenleben in einer immer vielfältigeren Gesellschaft – und sehr wahrscheinlich noch weiteren Themen, die wir heute noch nicht kennen.

Welche (neuen) Fähigkeiten und Kompetenzen brauchen Menschen, um diesen Herausforderungen zu begegnen? Und bereitet unser Bildungssystem sie darauf ausreichend vor? Diese Fragen diskutierten wir am 29. Oktober im Rahmen unseres 9. Berliner Plenums Frühpädagogik mit Prof. Dr. Andreas Schleicher, Bildungsforscher und Direktor für Bildung bei der OECD, sowie rund 220 Gästen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Verbänden und Trägern. In seinem Impulsvortrag gab er einen Überblick über die Entwicklung insbesondere der Schulsysteme im internationalen Vergleich - und über den Kompetenzstand von Schülerinnen und Schülern.

Die Ergebnisse sind durchaus ernüchternd. In internationalen Studien schneidet das deutsche Schulsystem hinter Ländern wie Kanada, Singapur, Taiwan oder Norwegen erschreckend schlecht ab. Demnach gelingt es unseren Schulen weder, Kinder und Jugendliche beim Erwerb kognitiver Fähigkeiten noch epistemischen Wissens hinreichend zu unterstützen. Während viele Länder längst die Grundlagen für das Lernen im 21. Jahrhundert diskutierten und entsprechend in die Umgestaltung ihrer Bildungssysteme investierten, werde in Deutschland weiterhin "Fertigwissen" der Vergangenheit vermittelt und reproduziert, so Schleicher. Die fehlende Relevanz der Lerninhalte für ihre Lebenswelt nehme Schülerinnen und Schülern die Neugier und Freude am Lernen, mit der sie die Kita im Erfolgsfall verlassen haben - entsprechend gedämpft sind die positiven Erwartungshaltungen bezogen auf die eigene Zukunft beispielsweise im Vergleich mit Kanada und den USA.

Schwerpunkt der angeregten, aber auch sehr nachdenklichen Diskussion mit den Podiumsgästen Prof. Dr. Andreas Schleicher, Michael Fritz (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Haus der kleinen Forscher) und Stefan Spieker (Vorstandsvorsitzender des FRÖBEL e.V.) war die Frage, wie - und wann - eine positive Veränderung des Bildungssystems gelingen kann. 

Was sollte das Schulsystem leisten?

Ausgehend von seiner These, Kinder bräuchten für die Zukunft vor allem soziale und emotionale Kompetenzen sowie Problemlösungskompetenz und kritisches Denken - Fähigkeiten, die lernbar sind! - sieht Schleicher bezogen auf Deutschland mehrere Stellschrauben. Am wichtigsten sei die radikale Entschlackung der Lehrpläne zugunsten einer strikten Fokussierung auf relevante Inhalte. Er illustriert dies an zwei ganz konkreten Beispielen: Als spezieller Anwendungsfall der Mathematik sei die Trigonometrie vor 300 bis 400 Jahren wichtig gewesen, um die Welt zu vermessen und zu kartieren. Heute übernehmen längst Computer diese Aufgaben. Viel wichtiger sei es also heute, Kindern Zeit für das grundlegende Verständnis von Mathematik zu geben und kreatives, analytisches Denken zu fördern. Auch Lesekompetenz sei heute nicht mehr die Fähigkeit zur Extraktion von (lexikalischem) Wissen, sondern zur Konstruktion von Wissen aus den unterschiedlichsten (digitalen) Quellen, die Fähigkeit, Fakten von Einschätzungen unterscheiden zu können. 

Was kann Schule von der frühen Bildung lernen? 

Den Schlüssel zu einer gelingenden Bildungsbiographie sieht Schleicher im Konzept der "Agency". Entscheidend für die Freude von Kindern am Lernen und Entdecken, am Erforschen von Phänomenen und eine positive Erwartungshaltung bezogen auf die Zukunft seien Erfahrungen von Selbstwirksamkeit: Fühle ich mich als Akteur oder als passives Objekt der Entscheidungen anderer? Diese Erfahrungen entstünden aus dem Glauben, etwas verändern zu können, und der Kapazität, dies auch zu tun - pädagogische Fachkräfte besitzen im Idealfall das Fachwissen, Kindern diese Erfahrungen in der Gruppe zu ermöglichen. Kitas legten außerdem die Basis für die Entwicklung sozialer Kompetenzen, z.B. die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und Kooperation in sehr heterogenen Gruppen, wie auch persönlicher Fähigkeiten, so die Kontrolle von Emotionen, die in den ersten beiden Lebensjahren erworben wird. 

Welche Kompetenzen brauchen pädagogische Fachkräfte? 

Die Welt verändert sich schneller als unser Bildungssystem, so Prof. Schleicher. Wir stehen deshalb vor der Herausforderung, zunächst die Fachkräfte in Schule und Kita darauf vorzubereiten und entsprechend aus- bzw. umzubilden. Denn die Kompetenzen, die wir in der digitalen Welt brauchen, sind grundlegend anders als noch in der analogen Welt. Analog zur Industrialisierung erkennt er allerdings Parallelen zur digitalen Revolution: Erneut hinken die Fähigkeiten der Menschen dem technologischen Fortschritt hinterher. Jede Investition in die (frühe) Bildung ist daher eine nachhaltige Investition in die Zukunft unser Gesellschaft - denn "die Kinder von heute sind die Gesellschaft von morgen", so Prof. Schleicher.  

Wie kann die OECD als internationale Organisation Veränderungsprozesse anstoßen und unterstützen? 

Eine Frage, die viele Gäste bewegte: Kann die OECD auf Basis der eigenen Studien effektiv etwas zur Verbesserung unseres Bildungssystems beitragen? Prof. Schleicher äußerte sich hier eindeutig: Die Kernaufgabe der OECD ist aufzuzeigen, was mit zielgerichteten Investitionen in Bildung möglich ist. Die internationale Perspektive räumt mit gängigen Stereotypen auf und ist eine Quelle der Inspiration - das zeigte die konzentrierte Diskussion und die Resonanz der Gäste im Anschluss der Veranstaltung. 

 

Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Schleicher stellen wir Ihnen die Videoaufzeichnung der Keynote sowie die Präsentation zum Vortrag zur Verfügung: 

"Envisioning the future of education and jobs" (PDF; 6 MB)

Impressionen vom 9. Plenum Frühpädagogik

Der FRÖBEL e.V. bringt im Rahmen der jährlichen Veranstaltung "Berliner Plenum Frühpädagogik" Fachleute aus Politik und Verwaltung, Wissenschaft, Medien und Verbänden sowie Träger der Kinder- und Jugendhilfe zusammen – in diesem Jahr erstmals gemeinsam mit der Stiftung Haus der kleinen Forscher.

Fotos: Bettina Straub/FRÖBEL e.V.

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