Aktuelles · Kinderrechte · Themen 09. Oktober 2019 · jm/jr

„Kinder haben das Recht auf Selbstbestimmung“

Im FRÖBEL-Kindergarten Winterstraße in Hamburg hat das pädagogische Team zusammen mit Einrichtungsleiter Marco Radsziwill ein umfassendes Konzept entwickelt, das bereits Krippenkinder dabei begleitet, selbständig Entscheidungen zu treffen.

Kinder sollen in unseren Krippen, Kindergärten und Horten die Erfahrung machen, dass ihre Rechte, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention beschrieben sind, anerkannt und gelebt werden. So unterstützen wir Kinder darin, selbstständige, selbstbewusste, vorurteilsbewusste und verantwortungsvolle Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft zu werden.

Kinder haben das Recht auf Selbstbestimmung. Dazu gehört das Recht, eigenen Bedürfnissen und Interessen nachgehen zu können, Nein zu sagen und sich zurückzuziehen, wach zu bleiben, wenn sie nicht müde sind, zu essen, wenn sie hungrig sind und das zu essen, was ihnen schmeckt.

 

Herr Radsziwill, wie gestaltet sich das Recht der Krippenkinder auf Selbstbestimmung in Ihrem pädagogischen Alltag?

Alle Kinder aus dem Krippen- und natürlich aus dem Elementarbereich können jeden Tag aus einer Vielzahl von pädagogischen Angeboten frei auswählen. Das beginnt bereits am Morgen. Jedes Kind wird von einer pädagogischen Fachkraft im „Begrüßungsdienst“ in Empfang genommen. Es darf selbstständig entscheiden, ob es frühstücken oder erst spielen möchte. Nach dem Morgenkreis haben die Kinder die Möglichkeit sich für eins der pädagogischen Angebote zu entscheiden. Jedes Kind hat dafür ein Bild von sich als Magnet, der auf der Angebotstafel angebracht werden kann. Einige heften den Magneten sicherlich nach dem Zufallsprinzip irgendwohin oder ahmen andere Kinder nach. Viele der Krippenkinder, die mit diesem Ablauf bereits vertraut sind, entscheiden sich bewusst für ein Angebot. Nach dem Angebot haben die Kinder die Auswahl zwischen weiterspielen und gewickelt werden. Anschließend ist der Zeitraum für Mittagessen und Ruhepause. Die Kinder entscheiden selbstständig nach ihren individuellen Bedürfnissen innerhalb des Zeitfensters, wann ihr Zeitpunkt für Mittagessen und Schlafen gekommen ist. Einige Kinder sind früher hungrig und müde als andere, da sie vielleicht morgens schon früher wach sind.

Wie bekommen Sie – bei all den freien Entscheidungen - eine Struktur in Ihren Tagesablauf?

Wir haben ganz klar definierte und feste Strukturen und Routinen, die den Kindern und auch den pädagogischen Fachkräften Orientierung bieten. Sie sind sehr wichtig und auch bei uns nicht verhandelbar. Wiederkehrende feste Zeiträume in unserem Kindergartenalltag sind Frühstück, Morgenkreis, Wickeln, Mittagessen, Schlafen, Snack und Abendessen. Trotz dieser sehr konkret benennbaren Strukturmerkmale handelt es sich stets um Zeiträume und um keine gesetzten Zeitpunkte, sodass auch hier die Kinder jederzeit die Möglichkeit haben, individuell zu entscheiden. Die pädagogischen Fachkräfte begleiten und unterstützen die Kinder bei diesen Entscheidungen. Gemeinsam erarbeitete Regeln und Absprachen geben dem offenen Konzept Struktur, der viel Raum für individuelle Bedürfnisse lässt.

Welche Vorteile hat diese pädagogische Praxis?

Wir können individuell auf die Kinder eingehen und ihren Bedürfnissen gerecht werden. Dadurch haben wir einen sehr guten Blick auf das Kind und seine Entwicklung und können die Kinder in Bildungsprozessen gezielter fördern. Findet sich beispielsweise beim Mittagessen eine kleinere Gruppe ein, können intensivere Gespräche geführt werden oder auch bessere Hilfestellungen geleistet werden. Außerdem haben wir keine Wartezeiten. Zum Beispiel wird immer nur ein Kind gewickelt und es ist auch kein weiteres mit im Raum. So erfährt das Kind ungeteilte Aufmerksamkeit. Ein „Flurdienst“ unterstützt die Fachkräfte darin, sich in den pädagogischen Räumen voll und ganz der pädagogischen Arbeit zu widmen. Er bzw. sie übernimmt das Wickeln, füllt Getränke in den Räumen auf, begleitet Kinder von einem Raum in den nächsten. In der Praxis hat sich dieser Dienst als sehr hilfreich erwiesen, damit die Fachkräfte sich auf die pädagogische Arbeit konzentrieren können.

Wie vermitteln Sie das Konzept den Eltern?

Viele Familien sind mit unserem pädagogischen Konzept bereits über die Informationen auf unserer Homepage in Kontakt gekommen und kennen unseren pädagogischen Ansatz. Das ist natürlich zunächst nur Theorie. Um den Eltern einen guten Einblick zu verschaffen, laden wir sie dazu ein, einmal die Perspektive des Kindes einzunehmen und den Kitaalltag mitzuerleben. Unsere Koordinatorin Christin Janschuk führt die Eltern dafür durch die Einrichtung und erläutert vor Ort unsere pädagogische Arbeit in den Räumen aus Sicht der Kinder. Alle Abläufe werden genau erklärt und die Eltern dürfen sich ebenfalls in Partizipation üben. Das funktioniert sehr gut. Eltern, die zunächst skeptisch waren, erleben, dass unser Konzept aufgeht.

War es schwer, diese Prozesse in das Team zu integrieren?

Am Anfang gab es etwas Widerstand bei einigen Teammitgliedern, da es zunächst eine große Umstellung in puncto Absprachen und Koordinierung von Abläufen bedeutete. Aber jetzt sind wirklich alle im Team mit dem Herzen dabei. Insgesamt hat es knapp ein Jahr gedauert, bis wir alle Punkte im Tagesablauf auf das neue Konzept umgestellt hatten. Aber es hat sich gelohnt!

Erfahren Sie mehr über die pädagogische Arbeit im FRÖBEL-Kindergarten Winterstraße.

Weiterführende Literatur finden Sie auf unserem Kita-Fachtexte-Portal.

Prof. Dr. Jörg Maywald: Recht haben und Recht bekommen – Der Kinderrechtsansatz in Kindertageseinrichtungen, 2014.

Judith Feige, Kathrin Günnewig: Kinder- und Menschenrechtsbildung in der Kita, 2018.

Dr. Phil. Michael Lichtblau: Kindliche Interessen beobachten und fördern, 2018.

Die Rechte von Kindern bilden das Fundament der pädagogischen Praxis in allen FRÖBEL-Einrichtungen. Sie sind in unserem pädagogischen Leitbild fest verankert.   

In den Wochen zwischen dem Weltkindertag und dem 30. Jahrestag der UN-Kinderrechtskonvention am 20. November 2019 stellen wir jede Woche ein Kinderrecht aus dem FRÖBEL-Leitbild vor und zeigen, wie es in der täglichen Praxis gelebt wird.   

Weil uns über unsere eigene Arbeit hinaus wichtig ist, dass Erwachsene die Rechte von Kindern verstärkt wahrnehmen und in ihrem Handeln berücksichtigen, unterstützen wir unter anderem die Initiative Kinderrechte ins Grundgesetz. 

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