25 Jahre FRÖBEL 08. Juni 2015

Zum Bergmann in fünf Minuten?

Die wahre Entstehungsgeschichte des ersten Bergwerks in einem deutschen Kindergarten

"Fröbelchen"-Leiter Matthias Haring

Mit einem Kostenvoranschlag für Erosionsschutzmatten fahre ich an einem heißen Sommernachmittag 2004 in die Leipziger Geschäftsstelle des FRÖBEL e.V. Meine Kolleginnen hatten den Wunsch geäußert, dass ein hässlicher Dreckhügel im Außengelände des Kindergartens unter frischem Grün verschwinden soll.

Auf dem Schreibtisch der Geschäftsführerin breiten sich diverse Entwürfe für Gartenspielgeräte aller Art über mehrere Tische verstreut aus. Das Ziel, die Außenanlagen der Leipziger FRÖBEL- Kindergärten generell aufzuwerten gleicht einer Herkulesaufgabe. Da die Chefin gerade telefoniert, schweift mein Blick umher. Unter einem der bunten Entwürfe springt mir der Schriftzug „Bergwerk“ ins Auge. Ich frage sie: „Wohin soll das denn kommen?“

„Ah, das Bergwerk- das soll ins Zwergenland in der Dölligstraße. Aber der Leiter möchte lieber einen Weg gepflastert haben, damit die Kinder mit ihren Rollern einen schönen Parcours haben. Beides geht finanziell nicht! Der Etat im „Fröbelchen“ sieht ja noch gut aus und wenn Ihr das wollt bekommt Ihr das Bergwerk!“

Verblüfft halte ich inne. Im Sekundentakt tauchen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Da ist eine kleine Mineraliensammlung, welche zu Hause einen Setzkasten füllt. Mein „Einstieg“ in die Welt der Bodenschätze. Wie faszinierten  mich Besichtigungen von Besucherbergwerken, die wenn sie an meinen Reisewegen lagen, nie ausgelassen wurden.  Die Vorstellung, selbst ein Bergwerk im Kindergarten zu haben beinhaltet gewaltiges Potential kommt mir in den Sinn. Länger benötige ich nicht für meine Entscheidung! Der Dreckhügel im Kindergarten wird grün, soweit wird mein Auftrag des Teams erfüllt und er erhält dazu eine einzigartige Spiellandschaft.  Ich antworte spontan: „Klar nehmen wir das!“

Dass sich an diesem Nachmittag mein Leben ändern wird, ist kaum vorhersehbar.

Euphorisch fahre ich am nächsten Tag in unseren FRÖBEL-Kindergarten "Fröbelchen: „Die Erosionsschutzmatten kommen nicht, verkünde ich zur Mittagspause. Aber der Hügel wird trotzdem grün und außerdem wird es ein Bergwerk für Kinder!“

Ich blicke in ungläubige Gesichter, die mehr Fragen als Antworten ausdrücken. Jetzt heißt es zu improvisieren. Mein „Fachwissen“ ist noch so lückenhaft, dass ich zunächst von Schätzen unter der Erde spreche und diese zu finden sicher sehr spannende Beschäftigung für unsere Kinder sei. Mit einer gehörigen Portion Skepsis löst sich die Mittagsrunde auf. „Für das Geld hätten wir lieber neue Spielzeuge kaufen sollen“, trägt mir der Buschfunk später als Meinung einiger Mitarbeiterinnen zu.

Als die Bauarbeiten im Herbst 2004 beginnen ist klar: Ich brauche professionelle Unterstützung um das Projekt mit Leben zu erfüllen, ihm Authentizität zu geben.  Per Post wandern die Baupläne vom Entwurf sowie erste Fotos von der Baustelle an die Bergakademie Freiberg sowie diverse Besucherbergwerke. Nur wenige antworten gleich, aber immer wieder lese ich heraus, was dies doch für eine tolle Idee sei und ich möge das Projekt doch bitte umsetzten.

Vermittelt durch Eltern erscheint in der Fachzeitschrift der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau- und Verwaltung (LMBV) 4/2005 ein kleiner Artikel zur Erstbefahrung am 1.Mai 2005. Spielideen für die kleinen Bergleute entwickeln sich nur langsam und mancher Vormittag endete im leichten Chaos „vor Ort“. Es fehlt vor allem an abbauwürdigen Rohstoffen. Nur einen Anruf später habe ich einen Termin bei der MIBRAG mbH. Wir dürfen Braunkohle so viel das Auto fasst direkt aus dem Tagebau schaufeln. Ganz unbürokratisch hilft unser wichtigster Industriepartner der Region, bietet praktische und materielle Hilfe an. Die ersten echten Bergleute kommen zur Mettenschicht  und bringen gleich mal den Schriftzug: „Friedrich-Stolln“ am Mundloch des Kinderbergwerkes an. Seither sind sie uns treu geblieben und haben erheblichen Anteil am Ausbau der Anlagen durch originales bergmännisches Gerät.

Im Oktober 2006 veröffentlicht die Leipziger Volkszeitung einen Artikel mit dem Titel: „Ein Bergwerk für kleine Kumpel“. Kurz darauf bekam ich per Mail mit der Einladung eines ehemaligen Wismut- Bergmannes aus Leipzig, der sich gern mit mir über unser Projekt „Kinderbergwerk“ unterhalten wollte. Wie unter Bergleuten üblich gab es zunächst ein Bier, dem später noch viele folgen sollten. Wir sind gute Freunde geworden und Norbert Schüttler aus Leipzig vermittelte zahlreiche Kontakte zu den Enthusiasten, die das Erbe der Montangeschichte aktiv pflegen.

Seither ist so viel passiert, dass ich mehrere Seiten mit kleinen Episoden füllen könnte. Die uneigennützige Hilfe vieler ehrenamtlicher Bergleute aber auch Firmen wie der MIBRAG mbH, der Wismut GmbH und vieler hier ungenannter Unterstützer ermöglicht eine wissenschaftliche Erlebniswelt für Kinder, einen Fundus an Materialien und Mineralien die inzwischen so nachgefragt sind, dass ich von der Kindergartenleitung zurücktreten und ein Habit als Berufskleidung tragen könnte.

Wenn ich seit Dezember 2014 gemeinsam mit Norbert Schüttler zur Bergparade in Leipzig mitlaufe, er als Bergmann im Arbeitskittel des 19. Jahrhunderts und ich als Hauer des Freundeskreises Geologie und Bergbau e.V. Hohenstein- Ernstthal, dann mag es oberflächlich betrachtet so erscheinen, als wäre ich schon ein echter Bergmann.

Eltern von Kindern, die wir neu im „Fröbelchen“ aufnehmen fragen oft: „Waren Sie Bergmann oder kommen aus dem Erzgebirge?“ Ich verneine, lächle in mich hinein und sage: „Das ist eine lange Geschichte, die in fünf Minuten entschieden wurde.“

Matthias Haring ist Leiter des FRÖBEL-Kindergartens "Fröbelchen" in Leipzig.

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