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Kunst JETZT! mit Pia Greven in der Fröbel-Kinderkrippe Scheuerlinstraße
Wenn ein Raum zum Atelier wird – und Spuren Geschichten erzählen
Was passiert, wenn ein Raum über Monate hinweg nicht immer wieder „aufgeräumt“, sondern weitergedacht wird? Wenn Spuren sichtbar bleiben dürfen, Materialien sich verändern und Kinder erleben, dass ihre Handlungen den Raum nachhaltig prägen? Mit dieser Frage begann der zweite Teil der Zusammenarbeit der Bühnen- und Kostümbildnerin Pia Greven mit der Fröbel-Kinderkrippe Scheuerlinstraße im Rahmen von Kunst JETZT!. Entstanden ist kein klassisches Kunstprojekt, sondern ein Atelier auf Zeit – ein Ort, der sich mit jedem Treffen verwandelte und gemeinsam mit den Kindern wuchs.
Unter dem Titel „Raum & Fläche – Spuren hinterlassen, Raum einnehmen“ wurde ein kleiner Gruppenraum Schritt für Schritt zu einer künstlerischen Landschaft. Der Boden wurde vollständig mit Papier ausgelegt, später kamen die Wände hinzu, schließlich Kartons, Rollen, Farben, Klebeband und Fundstücke aus dem Alltag. Nichts war Dekoration – alles durfte benutzt, verändert, bemalt oder umgebaut werden. Der Raum selbst wurde zum Material.
Ein Atelier, das sich erinnern durfte
Im Mittelpunkt stand nicht das einzelne Treffen, sondern der Prozess über mehrere Monate. Anders als bei vielen kreativen Angeboten begann jede Einheit nicht bei null: Die Kinder kehrten immer wieder an einen Ort zurück, der ihre eigenen Spuren bewahrt hatte. Zeichnungen blieben sichtbar, Kartons standen noch dort, wo sie zuletzt bespielt worden waren, neue Farbschichten überlagerten ältere. So entstand ein Raum mit Geschichte – und mit Erinnerungen.
Dabei zeigte sich, wie schnell die Kinder den Raum als ihren eigenen begriffen. Sie mussten kaum noch eingeladen oder angeleitet werden. Viele kamen herein, suchten sich selbstverständlich ihren Platz und setzten ihr Spiel dort fort, wo es Wochen zuvor aufgehört hatte. Gerade diese Kontinuität machte das Projekt besonders.
Materialien, die zum Spiel einladen
Papier, Klebeband, Kartons und später vor allem Fingerfarben eröffneten immer neue Möglichkeiten. Die Kinder bauten Tunnel aus Kartons, verklebten Oberflächen, entdeckten kleine Durchgänge und bemalten nicht nur Papier, sondern auch Wände, Objekte und ihren eigenen Körper. Die Farbe wurde nicht in erster Linie als Malmittel erlebt, sondern als Material mit eigenen Eigenschaften: Sie war kühl, rutschig, weich, laut, wenn sie aus den Flaschen gedrückt wurde, und hinterließ sichtbare Spuren überall dort, wo sie berührt wurde.
Aus einer Entdeckung entstand oft unmittelbar die nächste. Ein Farbsee wurde zur Rutschbahn, Kartons verwandelten sich in Höhlen oder Tunnel, Klebeband verband Gegenstände oder wurde selbst zum faszinierenden Spielmaterial. Immer wieder entwickelten sich Situationen, die niemand geplant hatte – und gerade darin lag ihre besondere Qualität.
Erwachsene als Teil des Geschehens
Ein zentrales Thema des Projekts war die Rolle der Erwachsenen. Pia Greven stellte sich immer wieder die Frage, wie Erwachsene anwesend sein können, ohne das Spiel zu lenken. Sie beobachtete, dass Kinder Erwachsene nicht unbedingt als Anleitende brauchten. Viel wichtiger war ihre offene Präsenz: Sie rissen Klebeband ab, öffneten Farbtuben oder halfen beim Reparieren – Aufgaben, die ihnen die Kinder selbst gaben. So wurden sie Teil des Spiels, ohne dessen Richtung vorzugeben.
Diese Haltung prägte auch den Austausch mit den pädagogischen Fachkräften und später mit den Familien. Als Eltern den Atelierraum besuchten, wurde deutlich, wie selbstverständlich Erwachsene häufig nach einem „schönen Ergebnis“ suchen. Gleichzeitig entstanden Gespräche darüber, dass kreatives Arbeiten nicht immer auf ein fertiges Werk hinauslaufen muss – sondern oft gerade im Experiment seinen größten Wert entfaltet.
Ein Raum, der Beziehungen wachsen ließ
Im Verlauf der Monate veränderte sich nicht nur der Raum, sondern auch die Art, wie die Kinder ihn nutzten. Anfangs wurden Materialien vorsichtig erkundet; später bewegten sich die Kinder selbstverständlich zwischen Farbflächen, Kartons und Zeichnungen, entwickelten eigene Spielideen und griffen frühere Erlebnisse wieder auf. Besonders die jüngeren Kinder begegneten den Materialien unmittelbar mit dem ganzen Körper, während ältere Kinder häufiger Geschichten entwickelten oder soziale Spielsituationen entstehen ließen. Beides hatte im Atelier seinen Platz.
Zum Abschluss wurde ein Teil der bemalten Bodenfläche aus dem Raum herausgelöst und im Eingangsbereich aufgehängt. Aus einer Arbeitsfläche, auf der über Monate gekrabbelt, gemalt, gebaut und gespielt worden war, entstand ein großformatiges Gemeinschaftsbild – nicht als eigentliches Ziel des Projekts, sondern als sichtbare Erinnerung an einen gemeinsamen Weg.
Pia Grevens Projekt macht eindrucksvoll sichtbar, dass künstlerische Bildung manchmal dort beginnt, wo Räume offenbleiben dürfen: für Spuren, für Veränderungen und für die Bereitschaft, sich gemeinsam auf etwas einzulassen, dessen Ausgang noch niemand kennt.
Kunst JETZT! und die Zusammenarbeit von Kita und Künstler:innen wird durch den Fröbel e.V. bis Ende 2025 ermöglicht. Unterstützen Sie unsere Projekte langfristig: Als Fördermitglied im Fröbel e.V. tragen Sie dazu bei, Kindern vielfältige kreative Erfahrungen zu ermöglichen.