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Mit Erasmus+ nach Luxemburg: Neue Perspektiven auf die Zusammenarbeit mit Familien und Kindern mit besonderen Bedarfen
Erasmus+ macht’s möglich: Fachkräfte von Fröbel erleben beim Job Shadowing in Luxemburg, Zusammenarbeit mit Eltern und Unterstützung von Kindern gelingen kann. Von Lernräumen, die Kindern Sicherheit geben, über Geschichten, die Schuldgefühle nehmen, bis zu Teams, die multiprofessionell Hand in Hand arbeiten. Die Reise zeigt: Inklusion und Diversität sind kein Konzept, sondern gelebte Praxis. Die Frage ist: Was davon nehmen wir mit nach Deutschland?
Es ist ein Spätsommerabend in Luxemburg, als sich die Reisegruppe von Fröbel aus dem Bereich Hilfen zur Erziehung nach einem langen Hospitationstag in einem Café am Place d’Armes versammelt zu typisch luxemburgischer Küche. Die Stadt glitzert im Abendlicht, doch die Gespräche drehen sich nicht um die Sehenswürdigkeiten, sondern um das, was sie an diesem Tag erlebt haben.
Die Fachkräfte, die in verschiedenen Angeboten der Hilfen zur Erziehung arbeiten, erlebten das Job Shadowing in Luxemburg in verschiedenen Institutionen im Rahmen von Fachaustauschen und auch hautnah in Kleingruppen und nutzen die gemeinsame Zeit am Nachmittag und Abend, um sich über die Eindrücke auszutauschen.
Was in den folgenden Tagen folgt, ist mehr als ein klassischer Austausch. Es ist eine Reise zu Orten, an denen Inklusion und wertschätzende Zusammenarbeit mit Eltern nicht nur Konzepte sind, sondern gelebt werden. Und es ist eine Reise, die zu Fragen anregt: Wie können wir das, was wir hier sehen, in unsere Arbeit bei Fröbel übertragen?
Vier Orte in Luxemburg, drei Geschichten über gelingende Teilhabe und Unterstützung von Eltern und ihren Kindern
AFP-Solidarité-Famille: Wo Familien in fünf Sprachen willkommen sind
Die Association pour la Famille (AFP) Solidarité-Famille in Luxemburg-Stadt ist ein Ort, an dem Familien in fünf Sprachen beraten werden – Luxemburgisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Portugiesisch. Doch es sind nicht nur die Sprachen, die beeindrucken. Es ist die Haltung, mit der die Fachkräfte hier arbeiten. Die Beratungsstelle begeisterte auch mit ihren großen, hellen Räumen, welche sehr individuell eingerichtet waren.
Das Team erlebte, wie Familien begleitet werden, die monatelang auf einen Therapieplatz warten. Statt zu sagen „Da können wir nichts tun“, suchen die Kolleg:innen der AFP nach praktischen Lösungen. Eine davon ist Marte Meo, eine videobasierte Methode, die hilft, die Stärken der Familien zu erkennen, und nicht nur die Schwierigkeiten in den Fokus zu nehmen. Dieser Ansatz war den deutschen Fachkräften aus ihrer Praxis bei Fröbel vertraut.
Die Beratungsstelle bietet zum einen Therapieplätze für Kinder und Jugendliche an und zugleich eine Erziehungs- und Familienberatung. Dieses Konzept verbindet so zwei wichtige Teile von Unterstützung unter einem Dach. Bemerkenswert war hierbei, wie mit der sprachlichen Vielfalt „jongliert“ wurde: Gesprochen wird auch in einem Gespräch mit mehreren Sprachen. Wichtig ist, dass man sich versteht. Eine Einstellung, welche der Reisegruppe in Luxemburg noch öfter begegnen sollte.
Als zentrales Beratungsthema wurden hochstrittige Eltern wahrgenommen. Hier greift das Beratungsteam auf verschiedene Ansätze und Methoden zurück, damit Eltern wieder im Interesse des Kindes zusammenarbeiten können. Es wurde aber auch deutlich, dass es bei Familiengerichten in Luxemburg nicht unüblich ist, Kinder hochstrittiger Eltern in Obhut zu nehmen und fremd unterzubringen.
Und dann ist da noch das Finanzierungsmodell: Ein Eigenanteil von maximal 7 Euro, basierend auf freiwilliger Selbstauskunft. „Das ist kein Almosen“, so der Eindruck der Reisegruppe. „Das ist eine Einladung: Ihr seid willkommen, so wie ihr seid.“
Service d’Aide Ambulatoire pour Enfants et Familles (SIPO): Geschichten, die Kindern die Schuld nehmen
Das SIPO ist ein ambulanter Dienst für Kinder und Familien, analog zur aufsuchenden sozialpädagogischen Familienhilfe in Deutschland. Hier lernte das Fröbel-Team eine besonders eindrückliche Methode kennen: Individuelle Geschichten für Kinder in schwierigen Familiensituationen.
„Für die Kinder wird eine Geschichte geschrieben, die kindgerecht die jeweils aktuelle Situation beschreibt und erklärt“, berichtete das Danilo Schubert im Anschluss an den Besuch. „Den Kindern wird so das Gefühl einer Schuld genommen und stärkeres Verständnis geweckt. Ich konnte hier durchaus Ähnlichkeiten zu den Lerngeschichten in unseren Kitas entdecken und würde eine Weiterentwicklung des für die Kitas laufenden Projektes zu KI-unterstützten Lerngeschichten gern für die Hilfen zur Erziehung anpassen.“
Doch das SIPO bietet noch mehr:
Bientraintance (dt. Wertschätzungstraining): Multiplikator:innen schulen Fachkräfte in Haltung, Wertschätzung und Respekt – ein Ansatz, der die Qualität der Begleitung nachhaltig verbessert. Ein zentrales Thema war hierbei: Wie trete ich als Fachkraft Eltern entgegen – ganz besonders jenen, welche sich in herausfordernden Lebensumständen, auch Suchterkrankungen, befinden?
SOP (Sécherheetsorientéiert Praktik, dt. Sicherheitsorientierte Praxis): Familien erarbeiten gemeinsam mit den Fachkräften transparente Sicherheitskonzepte, die den Kindern Orientierung geben.
Als Zeichen besonderer Transparenz verbleiben die Akten in der Familie – ein Ansatz, der im deutlichen Gegensatz zur Praxis in Deutschland steht.
Die Haltung der SIPO-Mitarbeitenden hinterließ einen nachhaltigen Eindruck: „Es geht nicht darum, was wir tun, sondern wie wir es tun. Und dieses Wie verändert alles.“
Besonders eindrücklich war die Haltung gegenüber suchtbelasteten Eltern: ohne Vorwürfe und ohne Verhalten persönlich zu nehmen, wurde deutlich, dass jeder Mensch Zuwendung verdient und Unterstützung dabei braucht, gemeinsam mögliche Wege zu finden.
Centre pour le développement socio-émotionnel (CDSE): Individuelle Hilfe für Kinder mit Förderbedarf
Das CDSE (Zentrum für sozio-emotionelle Entwicklung) ist ein Kompetenzzentrum des luxemburgischen Bildungsministeriums und ein Ort der schnellen Hilfe. Hier dauert es maximal drei Monate, bis ein Kind mit Förderbedarf eine Förderdiagnostik und Unterstützung erhält.
Wie funktioniert das?
Meldung durch Schulen: Schulen melden den Bedarf an die Nationale Inklusionskommission (CNI).
Zuweisung zum CDSE: Das Kind wird bedarfsorientiert einem der acht Kompetenzzentren zugewiesen.
Förderdiagnostik: Innerhalb von drei Monaten werden Maßnahmen abgeleitet.
Das CDSE ist erst 2017 geschaffen worden und befindet sich im rasanten Aufbau“, berichtete die Gruppe, die das Zentrum besuchte. „Wir haben hier eine aufgeprägte Orientierung am Kindeswohl und eine regelrechte Aufbruchstimmung in der Elternarbeit erlebt, von der Kinder und Familien sicher sehr profitieren können.“
Eine der Hospitationsgruppen besuchte die Classes de participation („Klassen für Teilhabe“), Kleinklassen für Kinder mit emotional-sozialem Förderbedarf. Eine weitere Gruppe hospitierte in der Annexe Junglinster, einer Einrichtung für Jugendliche mit internalisiertem Verhalten.
Fondation Jugend- an Drogenhëllef: Prävention, die ankommt
Die Fondation Jugend- an Drogenhëllef (dt. Stiftung Jugend- und Drogenhilfe) ist ein Ort, an dem Suchtprävention und Unterstützung nicht nur Konzepte sind, sondern gelebte Praxis. Besonders sichtbar wird das im Umfeld des Luxemburger Hauptbahnhofs, wo Alkohol- und Drogenmissbrauch oft mit Armut, Obdachlosigkeit und sozialen Herausforderungen einhergehen. Hier lernte die Gruppe auch den „Service Parental“ kennen.
„Da wir in den Hilfen zur Erziehung leider viel zu häufig auch mit Suchtproblematiken umgehen müssen, hofften wir auf interessante Einblicke und neue Impulse“, war in den Dokumenten zur Vorbereitung der Reise zu lesen.
Und diese Hoffnung wurde erfüllt:
Niedrigschwellige Angebote: Die Stiftung bietet Beratung und Begleitung für Jugendliche und junge Erwachsene – ohne lange Wartezeiten oder bürokratische Hürden.
Digitale Innovation: Mit der App „Suchtberodungonline.lu“ können Betroffene jederzeit und anonym Unterstützung finden. Das neue Online-Angebot versteht sich als eine digitale Erweiterung zu den stationären und ambulanten Angeboten der Suchtberatung.
Prävention vor Ort: Im Bahnhofsviertel arbeiten die Fachkräfte aufsuchend – sie gehen dorthin, wo die Jugendlichen sind, statt auf sie zu warten.
Der „Service Parental“ richtet sich an suchtkranke Eltern. Die Angebotspalette reicht hierbei von Beratungen, welche Eltern aufsuchen können zu aufsuchenden Familienhilfen bis hin zu Wohnformen von Müttern (nach Entzug oder im Rahmen eines Methadonprogramms) und ihren Kindern. Dabei zeigte sich, dass über allem das Kindeswohl im Mittelpunkt steht und die Diskrepanz zu aktiv konsumierenden Eltern manchmal einen Spagat darstellt. Etwas, das die Fachkräfte aus Deutschland aus ihrer eigenen Arbeit gut kennen. Auch hier wurde deutlich, wie zugewandt die Fachkräfte auch suchtbelasteten Eltern gegenüber sind – bei allen Herausforderungen, welche die Arbeit besonders mit jenen Eltern mit sich bringt.
Was bleibt: Fünf Erkenntnisse für Fröbel
Die Reise nach Luxemburg hat dem Team fünf zentrale Erkenntnisse und Impulse mitgegeben:
Das Geld folgt dem Bedarf: In Luxemburg stehen die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt, nicht die Sparzwänge. „Das ist eine Haltung, die wir uns für Deutschland wünschen“, stellt Ileana Dilger fest.
Multiprofessionelle Teams sind der Schlüssel: In Luxemburg arbeiten Lehrkräfte, Sozialpädagog:innen, Psycholog:innen und Erzieher:innen Hand in Hand. Das ist kein Luxus, das ist Notwendigkeit. Ebenso zeigt sich, dass für Kinder und ihre Familien gewinnbringend ist, wenn Organisationen verschiedene Angebote aus einer Hand vorhalten können.
Geschichten geben Kindern eine Stimme: Mit Unterstützung durch das Geschichtenerzählverfahren oder die Bezugszimmer werden die Kinder in Luxemburg gesehen und gehört. Die eigene Lebensgeschichte des Kindes, dargestellt in Text und Bild – ehrlich, offen und wertschätzend – hilft Kindern zu verstehen, wer sie sind und warum die Situation, in der sie leben, so ist wie sie ist. Dabei befreit sie die Kinder von der Schuld und zeichnet zugleich ein wertschätzendes Bild der Eltern. So finden Kinder leichter Halt und Sicherheit.
SEE- social-, emotional and ethical Learning: Das Programm erweitert das klassische soziale und emotionale Lernen (SEL) um den Bereich einer mitgefühlsbasierten Ethik. Es vermittelt universelle menschliche Werte, die unabhängig von Religionen oder Kulturen sind. Es hilft Schülern und Lehrkräften, Mitgefühl, Selbstregulation und verantwortungsvolles Handeln zu entwickeln. Dieser Ansatz könnte für unsere Kitas und Horte interessant sein.
SOP – Sicherheitsorientierte Praxis: Ein netzwerkorientierter Arbeitsansatz, der soziale Unterstützungsnetzwerke der Familie einbindet, um den Schutz von Kindern gemeinsam zu planen und visuelle Werkzeuge zu nutzen. Die Verantwortung für das Wohlergehen von Kindern wird so auf viele Schultern verteilt. Ansätze finden sich hier in Deutschland zum Beispiel beim Familienrat auch, jedoch scheint die Luxemburger Gesellschaft im Besonderen für dieses Ansatz offen zu sein und erweitert diesen in den gesamten Sozialraum.
Ein Dank an Robert – und ein Ausblick
Die Reise war mehr als ein Austausch. Sie war eine Inspiration. Und sie war möglich, weil Robert Gärtner, Diplom-Pädagoge und Referent für Familienbildung bei Fröbel, sie mit viel Engagement organisiert hat. „Die Auswahl der Einrichtungen hätte nicht passender sein können“, sagt Ileana Dilger. „Und die Stadt Luxemburg mit ihrer gelebten Diversität hat uns gezeigt, dass Inklusion möglich ist, wenn man sie lebt.“
Doch die Reise endet nicht mit der Rückkehr nach Deutschland. Ileana Dilger wird zu den Luxemburger Kinderschutzprogrammen recherchieren, und das Team überlegt, wie es die KI-unterstützten Lerngeschichten aus dem Fröbel-Projekt auf die Hilfen zur Erziehung übertragen kann.