Politik und Gesellschaft · Sprach- & Leseförderung 20. Mai 2026 · BW

Sprachbildung: „Die Kita kann es!“

Als Sachverständiger brachte Stefan Spieker unsere datenbasierte Fröbel-Expertise heute in den NRW-Landtag ein.

Fröbel-Kitas in NRW - Kinder mit Förderbedarf bei der Sprachentwicklung: Die Karte zeigt den Anteil der Kinder mit Sprachförderbedarf in Fröbel-Kitas in NRW. Die farbliche Darstellung reicht von Grün (geringer Förderbedarf) bis Rot (höherer Förderbedarf) und macht regionale Unterschiede sichtbar. Die Stichprobe umfasst 3.794 Kinder aus 86 Fröbel-Einrichtungen in 14 NRW-Kreisen, mit einer durchschnittlichen Förderbedarfsquote von 17,8 %. Quelle: Fröbel e.V.
Der Sprachstand verändert sich: Die Grafik veranschaulicht die dynamische Entwicklung des Sprachstands von 870 Fröbel-Kindern in NRW zwischen zwei Beobachtungszeitpunkten. Sie zeigt, wie viele Kinder aus dem Förderbereich herauswachsen und wie viele neu hinzukommen. Besonders hervorzuheben ist, dass 38 % der zuvor als „auffällig“ eingestuften Kinder den Förderbereich verlassen haben. Quelle: Fröbel e.V.

Wie gelingt wirksame Sprachbildung und -förderung für Kita-Kinder? Mit genau dieser Frage befasste sich heute der Ausschuss für Schule und Bildung des NRW-Landtags im Rahmen der Anhörung zum 18. Schulrechtsänderungsgesetz und den geplanten „ABC-Klassen“. Als geladener Sachverständiger brachte Fröbel-Geschäftsführer Stefan Spieker seine Position klar auf den Punkt: „Das Ziel, Kinder mit sprachlichen Auffälligkeiten besser zu fördern, ist richtig – der gewählte Ansatz jedoch falsch, denn er greift erheblich zu kurz!“ 

„Wirksame Sprachbildung beginnt nicht erst im letzten Jahr vor der Schule, sondern vom ersten Kita-Tag an“, sagte er in der Anhörung und betonte zugleich: „Die Kita kann es! Das können wir bei Fröbel inzwischen auch mit Daten belegen.“

Sprachbildung alltagsintegriert und datenbasiert

Seit dem Kita-Jahr 2025/26 wird die Sprachentwicklung von jährlich rund 17.000 Kindern in allen Fröbel-Kindergärten systematisch beobachtet und dokumentiert. Grundlage ist das in NRW etablierte Verfahren BaSiK zur alltagsintegrierten Sprachentwicklungsbeobachtung. Das Ergebnis ist der derzeit größte Datensatz zur frühkindlichen Sprachentwicklung in Deutschland. Mit diesen Daten kann Fröbel heute präzise erkennen, wo Förderbedarf besteht, welche Maßnahmen wirken und wo zusätzliche Ressourcen gebraucht werden. 

Die Fröbel-Daten zeigen vor allem eines ganz deutlich: 

  • Frühe Forderung wirkt! 
  • 38 Prozent der Kinder wechseln zwischen zwei Beobachtungen von einem auffälligen zu einem unauffälligen Sprachbefund.
  • Kinder mit Deutsch als Zweitsprache machen die größten Sprünge.
  • Genau dort, wo der Bedarf am höchsten ist, wirkt frühe Förderung somit am stärksten.

Die Mittel jetzt richtig einsetzen! 

Die finanziellen Mittel wären in Kitas somit deutlich wirksamer investiert als in neue Parallelstrukturen kurz vor der Einschulung. Dieses Wissen sollte das Land NRW jetzt nutzen, anstatt neue kostenintensive Sondersysteme aufzubauen. Unsere Kolleginnen und Kollegen in den 90 Fröbel-Kindergärten und Familienzentren in NRW zeigen jeden Tag: Die Kita kann es! 

Die Stellungnahme von Fröbel im Wortlaut „Wirksame Sprachbildung leisten – Förderung datenbasiert gezielt steuern: Die Kita kann es!“

Stellungnahme zum Gesetz zur Einführung schulischer Vorkurse zur Förderung der Sprachkompetenz (18. Schulrechtsänderungsgesetz) 
Landtag Nordrhein-Westfalen, Drucksache 18/4708, Anhörung des Ausschusses für Schule und Bildung am 20. Mai 2026, Düsseldorf

Als Fröbel bedanken wir uns für die Möglichkeit, zum genannten Gesetzentwurf Stellung zu nehmen. Mit aktuell 253 Kindertageseinrichtungen in 13 Bundesländern, rund 22.600 betreuten Kindern und fast 6.000 Mitarbeitenden sind wir der größte überregionale freigemeinnützige Träger frühkindlicher Bildung in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen sind wir mit insgesamt 90 Kitas und Familienzentren vertreten. 
Als Trägerorganisation verbinden wir die pädagogische Praxis mit eigener Fachentwicklung, wissenschaftlicher Kooperation und fachpolitischem Engagement. 
Die nachfolgende Stellungnahme stützt sich insbesondere auf die in unseren Einrichtungen systematisch erhobenen Daten zur Sprachentwicklungsbeobachtung sowie daraus abgeleitete Steuerungspotenziale. 

I. Zusammenfassende Bewertung: Richtiges Ziel – falscher Ansatz

Gute Sprachkompetenzen von Kindern sind entscheidend für Chancengerechtigkeit und Bildungserfolg. Vor diesem Hintergrund teilen wir das im Gesetzentwurf formulierte Ziel, die sprachlichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulstart verlässlich zu sichern, ausdrücklich. Diese Notwendigkeit ergibt sich unbestritten aus den negativen Befunden der Schuleingangsuntersuchungen in Nordrhein-Westfalen, dem IQB-Bildungstrend 2021 sowie den jüngsten Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK). Wir können als Gesellschaft nicht akzeptieren, dass mehr als jedes dritte Kind in NRW mit sprachlichen Auffälligkeiten in die Schule startet. 

Ebenso wenig akzeptabel ist, dass die NRW-Landesregierung mit dieser Schulrechtsnovelle allein aus der bildungspolitischen Not heraus ein Gesetz auf den Weg bringen will, das Kita-Kinder zu additiven, vom regulären pädagogischen Alltag abgetrennten Sprachfördermaßnahmen in der Schule verpflichtet und gleichzeitig verkennt, dass die Kita selbst nicht nur Experte bei qualifizierter beziehungsorientierter alltagsintegrierter Sprachbildung ist, sondern auch gezielt Aussagen zum benötigten Förderbedarf treffen kann. 

Frühkindliche Bildung leistet hier jeden Tag hochprofessionelle und wirksame Arbeit. Die Kita kann es! 

Bei Fröbel nutzen wir bereits nachweislich wirksame Instrumente, um Sprachbildung datenbasiert umzusetzen und notwendige Fördermaßnahmen gezielt zu ermitteln und einzuleiten – durchaus auf Augenhöhe mit dem System Schule. Wie wir das machen, soll im Folgenden dargelegt werden. 

II. Datenbasierte alltagsintegrierte Sprachförderung bei Fröbel

Sprachbildung und -förderung bei Fröbel setzt an verschiedenen Stellschrauben an. 

Kernelemente der Sprachbildung bei Fröbel sind: 

Fortbildungen: Kontinuierliche Qualifizierungen der pädagogischen Fachkräfte im Bereich Sprachbildung, Beobachtung und Dokumentation erfolgen über Fröbel-E-Learning-Kurse, BaSiK-Teamfortbildungen sowie spezielle Fortbildungen, bsp. Marte-Meo-Qualifizierungen.

Systematische Sprachentwicklungsbeobachtung: Alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr werden jährlich auf der Grundlage eines wissenschaftlich fundierten Verfahrens (BaSiK) alltagsintegriert beobachtet, um Sprachfördermaßnahmen passgenau abzuleiten. Die digitale Dokumentation über KITALINO ermöglicht eine datenschutzkonforme, trägerweite Auswertung zur fachlichen Steuerung.

Bücher und dialogisches Lesen: Mit Modellprojekten wie der Erprobung des Vorlesebandes sowie dem Fröbel-Standard zum Umgang mit Büchern verankern wir das dialogische Lesen verbindlich im pädagogischen Alltag. Monatliche Kinderbuchempfehlungen geben den Einrichtungen zusätzliche fachliche Impulse für eine Literacy-orientierte Praxis.

Förderung mehrsprachig aufwachsender Kinder: Durch Kinderbücher in verschiedenen Sprachen oder digitale Anwendungen wie die App Polylino werden Familiensprachen im Alltag hörbar – ein konsequenter Beitrag zur Wertschätzung von Mehrsprachigkeit und zur Stärkung sprachlicher Identität.

Zusammenarbeit mit Familien: Mit unserem Projekt ViaS (Vorlesen in allen Sprachen), einer Buchausleihe für Familien sowie Bücherboxen im Sozialraum eröffnen wir Familien niedrigschwellige Zugänge zu früher Sprach- und Leseförderung. Die Elternakademie ergänzt dieses Angebot durch digitale Fachimpulse von Expertinnen und Experten und stärkt so die Erziehungspartnerschaft.

Systematische Sprachentwicklungsbeobachtung mit BaSiK

Bereits seit dem Kindergartenjahr 2025/26 verfolgen wir flächendeckend einen systematischen, datenbasierten Ansatz der Ermittlung von Sprachförderbedarfen von Kindern auf der Grundlage des NRW-weit gemäß § 13c KiBiz etablierten Sprachstandserhebungs- und auswertungsinstruments BaSiK („Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen“). 

Die Datenerhebung erfolgt nicht zusätzlich zum pädagogischen Alltag, sondern integriert in die tägliche Arbeit der Fachkräfte. Kinder und Familien werden somit nicht durch zusätzliche Testverfahren belastet. Durch kontinuierliche Beobachtung entsteht ein differenziertes Bild sprachlicher Entwicklungsverläufe, das unmittelbar für die pädagogische Arbeit genutzt werden kann. Die digitale Dokumentation und datenschutzkonforme Auswertung ermöglichen es zugleich, Sprachbildung nicht nur auf Ebene des einzelnen Kindes, sondern auch auf Einrichtungs- und Trägerebene systematisch weiterzuentwickeln. 

Daraus ist in den letzten zwei Jahren der derzeit größte zusammenhängende Datensatz zur Förderung der frühkindlichen Sprachentwicklung, aber auch zur datenbasierten Steuerungsmöglichkeit von Kita-Trägern in Deutschland entstanden. 

Aktuell wird die Sprachentwicklung von jährlich rund 17.000 Kindern in allen Fröbel-Kindergärten systematisch beobachtet und dokumentiert. Auch für unsere 90 Kindergärten und Familienzentren in Nordrhein-Westfalen liegen kleinräumige, valide Informationen über den tatsächlichen Förderbedarf vor. 

Förderbedarf differenziert erkennen, Steuerungspotenziale nutzen

Die nachfolgenden Abbildungen veranschaulichen den daraus gewonnenen Befund für NRW. Sie zeigen, dass Förderbedarf in beiden Spracherwerbsformen (Deutsch als Muttersprache/DaM) und Deutsch als Zweitsprache/DaZ) sichtbar ist, sich aber regional und nach Spracherwerbsform deutlich unterscheidet:

Abbildung 1 zeigt den Anteil von Kindern mit Förderbedarf in Nordrhein-Westfalen, Erstsprache Deutsch. (FRÖBEL/BaSiK 2025/26, n = 2.793). Anteil insgesamt: 8,9 %.

Abbildung 2 zeigt den Anteil der Kinder mit Förderbedarf in NRW mit Deutsch als Zeitsprache. (FRÖBEL/BaSiK 2025/26, n = 1.001). Anteil insgesamt: 44,6 %.

Sichtbares Wachstum von Sprachkompetenzen

Die vorliegenden Daten belegen eindrücklich, dass eine alltagsintegrierte, datenbasiert gesteuerte Sprachbildung in der Kita möglich und zugleich nachweislich wirksam ist: Insbesondere bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache erzielt eine frühe Förderung die stärksten Effekte

Die Daten belegen, dass diese Kinder im Setting Kita signifikant größere Sprünge in ihrer Sprachentwicklung machen. Ausgehend von zwei Beobachtungszeitpunkten ist bei „DaZ-Kindern“ sogar ein Zuwachs von 70,6 Punkten messbar, wohingegen sich „DaM-Kinder“ im Sprachkompetenzwert mit durchschnittlich 51,4 Punkten steigern. 

Das zeigt: Die Förderung wirkt gerade dort am stärksten, wo der Bedarf am höchsten ist, was der erwarteten Logik einer differenzierten frühen Förderung entspricht. 

Abbildung 3 zeigt das Wachstum der Sprachkompetenz in Punkten je Kind, nach Spracherwerbsform (FRÖBEL/BaSiK).

Insgesamt belegen die aktuellen Zahlen aus NRW, dass sich 38% der Kinder im Setting Kita sichtbar steigern – von einem auffälligen zu einem unauffälligen Beobachtungsbefund (Abbildung 4). 

Das ist eine substanzielle Verbesserung zwischen den zwei Beobachtungszeitpunkten.  
 

Abbildung 4 zeigt den Status des Förderbedarfs zwischen der vorletzten und letzten Beobachtung. (FRÖBEL/BaSiK).

Wirkungshebel in der Praxis: Beobachtungsergebnisse für gezielte Ableitungen nutzen

Die Wirksamkeit datenbasierter Sprachförderung entsteht nicht allein durch eine präzisere Bestimmung des Sprachstands eines Kindes, sondern vor allem auch dadurch, dass deren Ergebnisse in konkrete Ableitungen und Förderimpulse übersetzt werden. Die Forschung zur alltagsintegrierten Sprachbildung zeigt konsistent: Den entscheidenden Wirkmechanismus bildet eine hohe Qualität der Fachkraft-Kind-Interaktion und gerade Kinder mit erhöhtem sprachlichem Risiko profitieren von einer responsiven, sprachlich anregenden Begleitung. 

  • Fachkräfte erhalten mit BaSiK einen detaillierten Blick darauf, in welchen sprachlichen Teilbereichen Kinder Unterstützungsbedarf haben. Hieraus abgeleitete Förderimpulse werden mit aktuellen Themen und Interessen des Kindes verknüpft und dann gezielt im pädagogischen Alltag umgesetzt. 

  • Kinder mit besonderem Sprachförderbedarf geraten so systematisch in den Blick, die Interaktionszeit wird bedarfsorientierter gestaltet. 

  • Ziel ist ein zirkuläres Vorgehen, wie es Egert, Körner & Sachse (2024) beschreiben: Ausgehend von den beobachteten, sprachlichen Kompetenzen (Anamnese), wird ein standardisiertes Verfahren wie BaSiK genutzt (Diagnose), aus dessen Ergebnissen gezielte Förderimpulse abgeleitet und umgesetzt werden (Intervention). Diese Umsetzung wird regelmäßig überprüft (Evaluation) und mündet wiederrum in eine Beobachtung der sprachlichen Kompetenzen. 

  • Eine wiederkehrende Auseinandersetzung mit Sprachentwicklungsverläufen generiert Bewusstseinseffekte: Sie unterstützt die professionelle Wahrnehmung durch die pädagogischen Fachkräfte. Sprachlich relevante Situationen werden bewusster identifiziert, Förderbedarfe entlang standardisierter Kriterien früher erkannt. 

Die Beobachtung der Kinder, standardisierte Verfahren und gezielte Ableitungen und Förderimpulse (vgl. Abbildung 5) bilden damit den eigentlichen Transfermechanismus zwischen Sprachstandserhebung, Fortbildung und kindlicher Sprachentwicklung. Sie erklären, warum alltagsintegrierte Sprachbildung bei Fröbel nicht nur konzeptionell verankert ist, sondern in der täglichen Interaktion wirksam wird.

Abbildung 5: Was passiert in der Kita, wenn ein Kind sprachauffällig wird (Egert, Körner & Sachse, 2024)? 

III. Zum weiteren Problemverständnis des Gesetzentwurfs

Die Begründung des Gesetzentwurfs stellt zutreffend fest, dass ein erheblicher Anteil der Kinder bei Schuleintritt nicht über die sprachlichen Voraussetzungen verfügt, um dem Unterricht von Beginn an folgen zu können. Die SOPESS-basierten Schuleingangsuntersuchungen weisen für Nordrhein-Westfalen seit Jahren entsprechende Befunde aus. Der IQB-Bildungstrend 2021 belegt zudem, dass die Kompetenzwerte im Lesen, Zuhören und in der Orthografie am Ende der vierten Jahrgangsstufe nicht nur bundesweit zurückgegangen sind, sondern dass das Land NRW in mehreren Kompetenzbereichen signifikant unter dem Bundesdurchschnitt liegt.

Anzumerken ist allerdings, dass diese aggregierten Befunde regional sehr unterschiedlich verteilt sind und sich in ihren Ursachen ebenso unterscheiden. Eine wirksame Steuerung setzt eine kleinräumige Diagnostik des tatsächlichen Förderbedarfs voraus, wie wir sie in allen Fröbel-Einrichtungen umsetzen. Nicht wirksam ist eine pauschale Verpflichtung gesamter Jahrgänge zur Teilnahme an einem Sondersystem.

Die im Gesetzentwurf vorgesehene Regelung adressiert diesen Befund erst etwa ein Jahr vor der Einschulung. Aus entwicklungspsychologischer wie auch spracherwerbstheoretischer Perspektive ist dieser Zeitpunkt zu spät: Die zentralen Phasen des Erstspracherwerbs und des sukzessiven Zweitspracherwerbs sind in den Lebensjahren zwischen drei und sechs bereits weit vorangeschritten. Eine Maßnahme, die erst im sechsten Lebensjahr einsetzt, kann in einem nicht unerheblichen Teil der Fälle keinen Ausgleich mehr für eine nicht erfolgte frühe sprachliche Bildung leisten.

Hinzu kommt die personelle Ausgangslage an Grundschulen: Dem Bedarf an qualifizierter Sprachförderung steht ein bekannter Mangel an entsprechend ausgebildeten Lehrkräften gegenüber. Die im Entwurf angekündigte Anpassung der Ausbildungsordnung Grundschule kann diese Lücke mittelfristig nicht schließen. Eine Verlagerung der Sprachförderung in die Schule belastet damit eine ohnehin angespannte Ressource zusätzlich, ohne dass parallel eine Entlastungsstruktur aufgebaut würde. 

IV. Zur Forschungslage

Die deutschsprachige Wirksamkeitsforschung zu additiven, aus dem regulären pädagogischen Alltag herausgelösten Sprachfördermaßnahmen vor der Einschulung kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Für mehrere flächendeckend eingeführte Programme ließen sich gegenüber der alltagsintegrierten Förderung in der Kita keine substanziellen Wirkungsvorteile nachweisen. Beispielhaft genannt seien hier die vorliegenden Evaluationen zum hessischen Vorkurs, zum Programm „Sag mal was“ in Baden-Württemberg sowie zum Konzept KIKUS (vgl. Wolf 2017; Sachse u. a. 2017; zusammenfassend SWK 2022).

Eine positive Befundlage zeigt sich demgegenüber für Ansätze, die unmittelbar an der Qualität der pädagogischen Interaktion ansetzen. Sowohl die Bund-Länder-Initiative BiSS bzw. BiSS-Transfer als auch die internationale Forschung zur Interaktionsqualität in frühpädagogischen Settings belegen, dass sprachunterstützendes Interaktionsverhalten der pädagogischen Fachkräfte (Erweiterungen, offene Fragen, sprachliche Modellierung in Routinen, dialogisches Vorlesen) die sprachliche Kompetenzentwicklung der Kinder messbar voranbringt.

Fazit: Die im Gesetzentwurf getroffene Annahme, mit den ABC-Klassen werde ein wirksames zusätzliches Förderinstrument geschaffen, ist vor diesem Hintergrund empirisch nicht hinreichend abgesichert. Die Begründung des Entwurfs verweist nicht auf evaluierte Wirksamkeitsstudien zu vergleichbaren Modellen. Einer so weitreichenden Strukturentscheidung sollte eine belastbarere Evidenz zugrunde liegen.

V. Diagnostik sprachlicher Entwicklung im Vorschulalter

Die SWK hat in ihrem Gutachten zur datengestützten Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung (03/2026) darauf verwiesen, dass Daten in allen Bildungsstufen systematisch erhoben, ausgewertet und in fachliche Entscheidungen überführt werden sollten. Für den Elementarbereich empfiehlt die SWK ausdrücklich ein kontinuierliches Monitoring von Entwicklungsverläufen sowie eine fortlaufende Evaluation der Interaktionsqualität.

In diesem Verständnis ist aus unserer Sicht eine Klarstellung erforderlich, die in der politischen Debatte häufig untergeht: Diagnostik im Bereich sprachlicher Entwicklung umfasst nicht ausschließlich Testverfahren, sondern in gleicher Weise Screeningverfahren und systematische Beobachtungsverfahren. Diese Differenzierung ist zentral. Im Vorschulalter bildet eine fachlich fundierte, alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung die methodisch tragfähige Grundlage für die Ableitung gezielter Förderimpulse. Punktuelle Testverfahren mit Labor-Charakter werden den realen Erwerbsverläufen von Kindern, insbesondere bei Mehrsprachigkeit, nur unzureichend gerecht.

VI. Bewertung und Empfehlung

Im Ergebnis bewerten wir die vorgesehene Regelung als eine Maßnahme, die ein fundamental reales Problem unserer Zeit an der falschen Stelle der Bildungskette adressiert und die hierfür eingesetzten Ressourcen nicht dorthin lenkt, wo sie nachweislich die größte Wirksamkeit entfalten: in die Kita. 

Mit einer Einführung additiver Vorkurse für Kita-Kinder an Schulen entstehen kostenintensive Parallelstrukturen zur frühkindlichen Bildung, die Personal und Mittel binden, die mit Blick auf die aktuelle Reform des Kinderbildungsgesetzes im System Kita wirksamer eingesetzt werden können. Wir erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass mit dem Auslaufen des Bundesprogramms „Sprach-Kitas“ Ende 2022 in NRW rund 1.480 zusätzliche Sprachfachkräfte sowie ein erheblicher Teil der einschlägigen Fachberatungsstrukturen weggefallen sind. Die Wiederinvestition in eine neue, schulisch verortete Förderstruktur, ohne diese Lücke im Elementarbereich zu schließen, ist fachlich nur schwer zu begründen.

Die bei Fröbel bereits etablierten Maßnahmen zeigen bzw. erfordern:   

  • Das System Kita verfügt über wirksame, wissenschaftlich fundierte und skalierbare Instrumente, um Sprachbildung frühzeitig, kontinuierlich und datenbasiert umzusetzen. Sprachförderbedarfe können differenziert erkannt, Entwicklungsverläufe sichtbar gemacht und Fördermaßnahmen gezielt gesteuert werden. Die Einführung von ABC-Klassen an Schulen ist hierfür nicht erforderlich. Entscheidend ist vielmehr, die bestehenden Potenziale der Kitas konsequent zu stärken. 

  • Die fachliche Qualifizierung des pädagogischen Personals muss deshalb systematisch ausgebaut werden, insbesondere mit Blick auf Mehrsprachigkeit. Ohne Qualifizierung kann auch das fachlich beste Instrument seine Wirksamkeit nicht entfalten. 

  • Der im Gesetzentwurf bereits angelegte Übergang zwischen Kindertageseinrichtung und Grundschule sollte gestärkt werden, allerdings in Form einer datenbasierten Übergabe und einer gemeinsamen Förderplanung der beteiligten Einrichtungen – nicht in Form eines additiven schulischen Sondersystems. 

Insgesamt wären die für die ABC-Klassen vorgesehenen Mittel weit wirksamer in zusätzliche Personalfonds für Kitas auf Landesebene investiert als in 110 Mio. für Transportkosten von der Kita zur Schule.  Dabei sollten diese Mittel zielgerecht jenen Kitas zugutekommen, die einen besonders hohen Förderbedarf aufweisen. Damit würde in genau diesen Einrichtungen mehr Zeit für Sprachbildung zur Verfügung stehen. 

Die vorliegende Stellungnahme versteht sich als konstruktiv-kritischer Beitrag zu diesem Verfahren. Für vertiefende fachliche Erörterungen mit dem zuständigen Fachausschuss, dem Ministerium für Schule und Bildung sowie den weiteren beteiligten Ressorts stehen wir gern zur Verfügung. 

Düsseldorf/Berlin, 13. Mai 2026