15. Plenum Frühpädagogik in Berlin
Sprache macht startklar: Wissenschaft, Praxis und Politik im Dialog
Wie kann sprachliche Bildung in Kitas wirksam, datenbasiert und verbindlich gestaltet werden? Darüber diskutierten am 23. September Fachleute aus Wissenschaft, Praxis und Politik beim Plenum „Sprache macht startklar“ im Deutschen Bundestag. Mit dem Referentenentwurf für das SCQEG steht jetzt eine wichtige Weichenstellung an.
Ausgerichtet wurde das Plenum von der SPD-Bundestagsfraktion gemeinsam mit Fröbel, dem Paritätischen Gesamtverband, Outlaw und der Stiftung Kinder forschen. Wissenschaftliche Impulse, konkrete Erfahrungen aus der Praxis und eine politische Podiumsdiskussion brachten unterschiedliche Perspektiven zusammen. Das Ziel: Die anstehende parlamentarische Beratung des SCQEG mit fachlich fundiertem Input zu unterstützen. Aus Sicht von Fröbel braucht es im Gesetz eine verbindliche Regelung zur Erhebung sprachlicher Kompetenzen in Kitas. Dabei sollte die gesetzliche Regelung einen verbindlichen Rahmen schaffen und nicht allein auf freiwillige oder unterschiedliche Lösungen der Länder setzen.
Die Wissenschaft zeigt, was wirkt
Die wissenschaftlichen Impulse machten deutlich, dass Das Wissen darüber, was gute sprachliche Bildung ausmacht, längst vorhanden ist.
Prof. Dr. Steffi Sachse von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zeigte anhand der Wirksamkeitsforschung, dass der konsequente Einsatz sprachförderlicher Angebote insbesondere bei Kindern mit hohem Unterstützungsbedarf einen positiven Einfluss haben kann. Strukturierte additive Angebote, etwa dialogisches Vorlesen, zeigen Effekte. Weniger wirksam sind dagegen unstrukturierte Angebote ohne klare inhaltliche Vorgaben. Sachse stellte zugleich heraus, dass sprachliche Interaktionen im Alltag die Grundlage gelingender Sprachbildung sind und konsequent umgesetzt werden müssen. Eine zentrale Herausforderung liegt dabei in der Professionalisierung der Fachkräfte.
Dr. Nathalie Frey von der Universität Paderborn hob hervor, dass pädagogische Fachkräfte die Grundlagen des Spracherwerbs kennen müssen, um sprachliche Entwicklung angemessen einschätzen zu können. Sie plädierte für mehr Fortbildungen für Fachkräfte und eine offene, wertschätzende Haltung gegenüber Kindern und ihrer Lebensrealität, beispielsweise auch bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern. Alltagsintegrierte und additive Sprachförderung sollten abhängig vom individuellen Bedarf des Kindes miteinander verbunden werden. Zugleich gelte es, früh zu beginnen und die Wirksamkeit von Maßnahmen zu überprüfen.
Prof. Dr. Susanne Kuger ist Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut und richtete den Blick auf die vorhandenen Daten. Sie zeigte am Beispiel der Schuleingangsuntersuchungen deren Potenzial, verwies aber zugleich auf einen Flickenteppich unterschiedlicher Verfahren in den Ländern. Sollen solche Daten stärker für Forschung und Steuerung genutzt werden, braucht es eine einheitlichere Datenerfassung. Zudem sei die Aussagekraft der Schuleingangsuntersuchungen eingeschränkt, da die Durchführung durch medizinisches Personal erfolge und beispielsweise nur einen kleinen Ausschnitt der Sprachentwicklung des Kindes erfasse. Eine Weiterentwicklung der Schuleingangsuntersuchungen solle zusätzlich zur Homogenisierung der Datenerfassung außerdem eine Erweiterung der erfassten Kriterien beinhalten, beispielsweise um die soziale und emotionale Entwicklung des Kindes abzubilden.
Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), betonte die gemeinsame Verantwortung aller Bildungsetappen. Unterstützungsbedarf müsse erkannt werden – und aus dieser Erkenntnis müsse konkretes Handeln folgen. Das von der Kultusministerkonferenz geförderte Projekt StarS könnte dabei helfen. Es erfasst grundlegende Kompetenzen in Sprache und Mathematik sowie Selbstregulation und Motivation von Kindern zu Beginn der ersten Klasse und ihre Lernentwicklung bis zur zweiten Klasse. Wichtig sei der Datenaustausch zwischen Schule und Kita. Insgesamt seien unterschiedliche Ansätze möglich, entscheidend sei jedoch, ihre Wirksamkeit überprüfen zu können. Dafür brauche es Qualitätssicherung und die Qualifizierung von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften.
Die wissenschaftlichen Beiträge unterstrichen damit eine zentrale Botschaft des Plenums: Die Daten und das Wissen darüber, was wirkt, sind vorhanden. Entscheidend ist, daraus verbindliches Handeln abzuleiten.
Fröbel zeigt: Kita kann das
Wie das konkret funktionieren kann, zeigte Martin Böhme für Fröbel. Seit dem Kita-Jahr 2025/2026 werden bei Fröbel die sprachlichen Kompetenzen aller Kinder ab dem zweiten Geburtstag bis zum Übergang in die Grundschule jährlich mit dem Beobachtungsverfahren BaSiK eingeschätzt. Ziel ist es, Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf frühzeitig zu erkennen und gezielt zu fördern.
Dabei ist die Datenerhebung ausdrücklich kein Selbstzweck. Fröbel nutzt die Ergebnisse auch auf Trägerebene, um zentrale Steuerungsfragen zu beantworten: Wie sind sprachliche Kompetenzen in den Einrichtungen verteilt? Wie entwickeln sich Kinder und Kohorten über die Jahre? In welchen Regionen besteht besonderer Förderbedarf? Und welche Maßnahmen zeigen eine messbare Wirkung? Dafür hat Fröbel einen trägerinternen Sprachkompetenzwert entwickelt.
Gemeinsam mit Wissenschaft und Praxis nutzt Fröbel die Daten zudem, um die sprachliche Kompetenzentwicklung von Kindern zu beschreiben, wissenschaftliche Methoden zur Ressourcensteuerung und Wirkungsanalyse einzusetzen und den Kompetenzstand am Übergang zur Grundschule besser zu verstehen.
Der entscheidende nächste Schritt führt von der Beobachtung zur Förderung. Gemeinsam mit Prof. Dr. Franziska Egert und Prof. Dr. Steffi Sachse entwickelt und pilotiert Fröbel die Qualifizierung „BaSiK Transfer“. Sie befähigt Fachkräfte, aus den Ergebnissen der Sprachbeobachtung konkrete Förderziele für Kinder mit Unterstützungsbedarf abzuleiten und umzusetzen.
Die Kita kann das: Sprachkompetenzen systematisch beobachten, Daten sinnvoll nutzen und daraus pädagogisches Handeln ableiten.
Forscherdrang unterstützen und die Lebensrealität von Kindern würdigen
Dr. Stephan Gühmann von der Stiftung Kinder forschen betonte die Wichtigkeit von ergebnisoffenem Entdecken und Forschen mit Kindern im pädagogischen Alltag: „Kinder haben Lust dazu, die Welt zu erforschen. Sie stellen erste Wenn-dann Folgen fest und möchten sich darüber austauschen.“ Eine fragende Haltung sei hierfür essenziell, denn: „Wer forscht, der fragt – und wer fragt, der forscht.“ So hänge eine gelungene MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Sprachbildung zusammen. Die Stiftung Kinder forschen bietet entsprechende Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte an.
Nora Schönberg und Susanne Wolff vom bundesweiten Träger der Kinder- und Jugendhilfe Outlaw besprachen, wie Kinder zu zukunftsträchtigen Gestaltern werden können. Die Lebenswelten von Kindern seien diverser denn je und Bildungserfolg dürfe nicht von der familiären Herkunft abhängen. Hierfür sei es wichtig, alle Herkunftssprachen als Ressourcen wahrzunehmen.
V. l.n.r.: Dr. Tobias Ernst (Stiftung Kinder forschen), Jasmina Hostert (MdB, SPD-Bundestagsfraktion), Stefan Spieker (Fröbel), Jennifer Müller-Wilckens (Staatsrätin Freie Hansestadt Bremen), Katja Kipping (Paritätischer Gesamtverband), Moderator Jan-Martin Wiarda
Beobachtung und Förderung gehören zusammen
In der politischen Diskussion wurde zugleich deutlich, dass verbindliche Sprachbeobachtung nur ein Teil einer wirksamen Strategie sein kann. Katja Kipping vom Paritätischen Gesamtverband warnte vor einer Verengung frühkindlicher Bildung auf Messbarkeit. Sie verwies darauf, dass viele Kitas bereits über Beobachtungsinstrumente verfügen, zugleich aber Ressourcen für die anschließenden sprachförderlichen Maßnahmen fehlen.
Jasmina Hostert, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, stellte ebenfalls die Förderung in den Mittelpunkt: Daten zu erheben allein reiche nicht aus. Entscheidend sei, dass die Förderung bei den Kindern ankomme.
Fröbel-Geschäftsführer Stefan Spieker betonte im Abschlusspanel, dass mit dem SCQEG jetzt ein wichtiges Zeitfenster für mehr Wirksamkeit und Verbindlichkeit in der frühen Bildung entstanden sei. Fröbel wolle diese Chance nutzen und mit den Erfahrungen aus der eigenen Praxis zur Umsetzung beitragen.
Mit dem SCQEG öffnet sich gerade ein Zeitfenster, um Bildung in Kitas wirksamer zu machen. Dieses Potenzial sollten wir jetzt heben – dafür ist jeder Akteur gefragt. Wir sehen bei Fröbel, dass die Kita das kann: Unsere Fachkräfte sind hochmotiviert, sie nutzen vorhandene Instrumente und wollen etwas verändern. Wenn wir Sprachentwicklung systematisch beobachten, erkennen wir, wo Unterstützung tatsächlich gebraucht wird – und können daraus gezielte Förderung ableiten. Fröbel geht hier weiter voran.
Dabei machte Spieker deutlich, dass Verbindlichkeit auch bei der Finanzierung eine Rolle spielt. Er sprach sich dafür aus, die Zweckbindung von Bundesmitteln nicht aufzuheben. Zugleich bot er an, die Erfahrungen von Fröbel mit der Prozessgestaltung der Sprachstandsbeobachtung mit BaSiK zu teilen und gemeinsam mit anderen Trägern, Kommunen und Partnern an einer wirksamen Sprachbildungsstrategie zu arbeiten.
Eine wichtige Erkenntnis aus der bisherigen Fröbel-Praxis unterstreicht dabei den Nutzen einer systematischen Datengrundlage: Der höchste sprachliche Unterstützungsbedarf findet sich nicht immer dort, wo man ihn zunächst vermuten würde. Genau deshalb braucht es Daten statt Annahmen – und die Verbindung dieser Daten mit professionellem pädagogischem Handeln.
Jetzt die Gelegenheit nutzen
Das Plenum fand bewusst an einem Ort statt, an dem über den gesetzlichen Rahmen entschieden wird. Mit dem SCQEG eröffnet sich jetzt die Chance, wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis in verbindliche Strukturen zu übersetzen.
Für Fröbel ist dabei entscheidend, dass eine wissenschaftlich fundierte Erhebung sprachlicher Kompetenzen verbindlich im Gesetz verankert wird. Eine Regelung ohne entsprechende Verbindlichkeit für die Länder würde diese Chance abschwächen. Gleichzeitig darf Sprachstandserhebung nie für sich stehen: Auf die Beobachtung müssen qualifizierte pädagogische Maßnahmen folgen, deren Wirkung wiederum überprüft werden kann.
Die Voraussetzungen dafür sind da: Die Wissenschaft kann zeigen, was wirkt. Die Praxis ist bereit, dieses Wissen umzusetzen. Und mit BaSiK zeigt Fröbel bereits heute, wie systematische Beobachtung, datenbasierte Steuerung, Qualifizierung und individuelle Förderung zusammenspielen können.
Jetzt kommt es darauf an, daraus einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen zu machen. Die Kita braucht das!
Wir danken allen Referentinnen und Referenten sowie allen Gästen für diese gelungene Veranstaltung - und freuen uns schon auf das Plenum Frühpädagogik 2027 zum Thema: Kulturelle Bildung.
Alle Bilder: © Fröbel e.V./Bettina Straub