Aktuelles · Kulturelle Bildung 20. Oktober 2023

Keine Angst vor schweren Themen

Wie sprechen wir mit Kindern angemessen über die Endlichkeit des Lebens? Wie reagieren wir auf kindliche Fragen nach dem Tod angesichts weltweit beunruhigender Nachrichten? Wo ist Sterben jenseits der großen Katastrophen im Kitaalltag präsent? Das war Thema einer Fachveranstaltung von FRÖBEL und der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss am gestrigen Donnerstag.

© Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: Stefanie Loos
© Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: Stefanie Loos
© Copyright: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: Stefanie Loos

Wie sprechen wir mit jungen Kindern gut und angemessen über die Endlichkeit des Lebens? Wie reagieren wir auf kindliche Fragen nach dem Tod angesichts weltweit beunruhigender Nachrichten? Wo ist Sterben jenseits der großen Katastrophen im frühpädagogischen Alltag präsent? Das war Thema einer Fachveranstaltung von FRÖBEL und der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss am gestrigen Donnerstag.

Ausgangspunkt der Veranstaltung war die derzeitige Ausstellung der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss „un_endlich. Leben mit dem Tod“, die noch bis Ende November zu sehen ist. Neben einem Besuch der Ausstellung in kleinen Gruppen gab es am Vormittag an Impulstischen in den Werkräumen des Humboldt Forums Gelegenheit, Praxismethoden auszuprobieren und dabei ins Gespräch zu kommen.

Im abschließenden Gespräch mit Marc Wrasse, Kurator für Bildung und Vermittlung bei der Stiftung Humboldt Forum, zeigten sich die Besucherinnen beeindruckt und persönlich berührt von der Ausstellung. Welche Rolle spielt der religiöse Hintergrund im Falle eines Todesfalls von Familienangehörigen?

Wie können Kinder und Erwachsenen darüber miteinander gut sprechen? Während Kinder oft unmittelbar, spontan und fragend damit umgehen, vermeiden Erwachsene häufig bewusst oder unbewusst das Thema im Gespräch. Fachkräfte aus der Schulsozialarbeit berichteten über ihre Erfahrungen mit Suizid-Gedanken von Kindern und Jugendlichen, und der Konfrontation mit Ängsten und Verlust, die zum Beispiel aus der aktuellen Situation im Ukrainekrieg entstehen.

Am Nachmittag begrüßten dann Hartmut Dorgerloh, Generalintendant und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss und Stefan Spieker, Vorstandsvorsitzender des FRÖBEL e.V., die Anwesenden. Hartmut Dorgerloh wies in seinem Grußwort besonders auf den Zweck des Humboldt Forum als Ort für Diskussion und Gespräche über gesellschaftlich aktuelle Themen hin. Mit dem Thema Tod und Verlust träfe die aktuelle Ausstellung im Forum vom Humboldt Forum diesmal ein sehr universales Thema – ein Grund für Stefan Spieker, das Thema unbedingt auch in der frühkindlichen Bildung zu berücksichtigen. Die Kooperation mit Partnern wie der Stiftung Humboldt Forum sei dafür besonders wertvoll.

„Kinder trauern bunt“

Moderiert von Franziska Dusch ging es anschließend im ersten Gesprächstandem direkt in einen besonders schmerzhaften Bereich: Rebecca Vandrey, Diplom-Heilpädagogin und Mitarbeiterin der Björn Schulz Stiftung gab Einblick in die Arbeit einer Kindertrauergruppe. Dass Kinder anders trauern als Erwachsenen, erläuterte Rebecca Vandrey an eindrücklichen Beispielen aus ihrer Arbeit. Ohne Zeitverständnis beispielweise könnten Kinder auch die Bedeutung von Tod noch nicht erfassen. Besondere Unterstützung bräuchten sie oftmals dabei, über ihre Gefühle und ihre besondere Situation überhaupt zu sprechen.

Bestätigt wurden diese Erfahrungen von Robert Gärtner, Diplom-Pädagoge bei FRÖBEL. Oft könnten Erwachsenen ihre Trauer und ihre Gefühle angesichts des Todes selbst schwer ausdrücken und wären den Kindern damit kein Vorbild. In der Kita hingegen könne der Raum geschaffen werden, das Thema zu besprechen. Beispielsweise könnten Fachkräfte helfen, die biologischen Grundlagen für Leben und Sterben zu erklären, und Kinder immer wieder ermuntern, durch Austausch und Gespräche Entlastung zu schaffen.

Alles beginnt mit der Zeit: Vermittlungsansätze und pädagogische Praxis

Ausgehend von dem Ort und der aktuellen Ausstellung wurde der Blick im zweiten Gesprächstandem auch auf künstlerische Zugänge gelenkt: Welche Vermittlungsarbeit können Ausstellungen und Museen bei diesem besonderen Thema leisten? Mehr noch als „un_endlich“, die für Kinder ab zwölf Jahren empfohlen wird, richtet sich die seit Jahren erfolgreich durch die Bundesrepublik wandernde Ausstellung „Erzähl‘ mir was vom Tod“ direkt an die junge Altersgruppe.

Claudia Lorenz, Kuratorin und Leiterin vom Alice Museum für Kinder im FEZ, stellte die Ausstellung vor und berichtete von den anfänglichen Irritationen, die das Ausstellungskonzept in den ersten Jahren hervorrief. Auch in „Erzähl mir was vom Tod“ ist der Ausgangspunkt der Beschäftigung mit dem Tod das Konzept von Zeit. Mit dem Narrativ einer Reise erhalten die Besucherinnen und Besucher einen Reisepass für „die andere Seite“ – Rückkehr garantiert. Der langanhaltende Erfolg der Ausstellung bestätige jedoch, welche Gesprächspotenziale die Auseinandersetzung mit dem Tod gerade für Kinder und Familien biete, erläuterte Lorenz.

Wie präsent die Endlichkeit des Lebens im Kita-Alltag ist, vor allem auch in Ereignissen, die den Erwachsenen unwesentlich erscheinen, schilderte Maike Erben, Leiterin des FRÖBEL-Kindergartens Charité Mitte. Kinder träfen häufig in ihren Alltagsbeobachtungen auf Tod und Vergänglichkeit, zum Beispiel beim Entdecken und Erforschen von Pflanzen und Tieren in der natürlichen Umgebung. Aber auch bei Todesfällen in Familien seien Fachkräfte in den Kitas häufig wichtige Ansprechpartner für Kinder und Eltern. Eine große Chance sei das natürliche Interesse der Kinder an allen Dingen, die sie umgeben, so Maike Erben.

Das breite Interesse an der Veranstaltung und der lebendige Austausch mit den über 100 Teilnehmenden zeigte, wie wichtig und präsent das Thema ist, gerade jetzt. Den Fachkräften aus der pädagogischen Praxis bot der Fachtag zahlreiche konkret anwendbare Impulse für Gesprächsanlässe und den alltäglichen Umgang in der Kita.

Einig waren sich die Gesprächsgäste im abschließenden Resümee, dass eine gute Begleitung von Kindern zum Thema Tod – gerade angesichts der zahlreichen Konflikte und Kriege weltweit – unerlässlich ist. Eine so mutige Ausstellung wie die im Humboldt Forum leistet dabei einen großen Beitrag, das Thema selbstverständlicher in unserer Alltagskultur zu verankern.

Die gemeinsame Fachveranstaltung wurde im Rahmen der institutionellen Kooperation von FRÖBEL und der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss realisiert, die seit 2021 jedes Jahr Schwerpunktthemen und aktuelle Fragestellungen der Stiftung mit der frühkindlichen Pädagogik verknüpft.

Impressionen des Fachtags

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