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"Beziehung ist der Schlüssel" – Mehrsprachigkeit in der Kita stärken
Zum Internationalen Tag der Muttersprache der UNESCO am 21. Februar sprechen wir mit Anna Ponce Recio, Referentin für Mehrsprachigkeit bei Fröbel.
Viele Kinder wachsen heute mit mehr als einer Sprache auf. Zu Hause wird vielleicht Spanisch, Arabisch, Polnisch oder Türkisch gesprochen – in der Kita kommt Deutsch dazu. Viele Eltern stellen sich die Frage: Ist mein Kind mit seiner Familiensprache in der Kita wirklich willkommen?
Zum Internationalen Tag der Muttersprache sprechen wir mit Anna Ponce Recio. Sie ist Referentin für Mehrsprachigkeit bei Fröbel und begleitet Kitas in der Region Köln. Außerdem ist sie Mitglied im neu gegründeten Beirat für kultursensible Pädagogik bei Fröbel. Im Interview erzählt sie, warum die Muttersprache für Kinder so wichtig ist, wie Kitas Mehrsprachigkeit gut begleiten können – und was Fröbel tut, damit sich Familien mit internationaler Geschichte gesehen, verstanden und wertgeschätzt fühlen.
Du bist in Katalonien geboren und lebst heute in Deutschland. Welche Rolle spielen Sprachen in deinem Leben?
Sprachen prägen mein ganzes Leben. Ich bin bilingual aufgewachsen: Mit meinem Vater sprach ich Katalanisch, mit meiner Mutter Spanisch. Später kamen Französisch, Englisch und Deutsch dazu. Meine Herzenssprache ist Katalanisch. Das merke insbesondere, wenn ich spontane Kommentare äußere. Sprache ist für mich sehr eng mit Emotionen verbunden. Ich habe früh erlebt: Man lernt durch Beziehung. Ich lerne am besten in einer Atmosphäre, in der ich mich gesehen und ernst genommen fühle. Mir ist ein respektvoller Dialog auf Augenhöhe wichtig, in dem ich meine Gedanken ausführen kann, ohne durch vorschnelle Korrekturen oder nonverbale Signale unterbrochen zu werden.
Was ist dir als Mutter und Pädagogin im Kita- und Schulalltag aufgefallen?
Da ich beide Perspektiven kenne, weiß ich, wie sensibel man wird, wenn das eigene Kind betroffen ist. Mein Sohn kam mit Katalanisch und Französisch, der Sprache des Vaters, in die Kita, dazu mit Deutsch als „Umgebungssprache“. Ich kommuniziere sicher und differenziert auf Deutsch – mein Akzent ist dabei hörbar und Teil meiner sprachlichen Identität. Es ist verletzend und verwirrend, wenn Termine in der Kita oder bei Behörden unterbrochen werden und direkt vorgeschlagen wird, mit Dolmetscher:in wiederzukommen.
Nun sprechen wir aber Sprachen, die von vielen Menschen geschätzt werden, weil sie zum Beispiel selbst schon in Spanien oder Frankreich gewesen sind. Familien mit „migrationsassozierten“ Sprachen werden da leider häufig noch einmal andere Erfahrungen machen, und so etwas sitzt tief. Man spürt einfach, ob eine echte Willkommenskultur da ist – ob der Ton respektvoll ist und Familien gleichwertig angesprochen werden.
Du arbeitest als Referentin für Mehrsprachigkeit und begleitest Kitas in Köln. Was genau ist deine Aufgabe?
Ich begleite Teams in derzeit fünf Kitas bei Fragen rund um Sprachentwicklung, Haltung und fachliche Begleitung in der Praxis – gemeinsam mit Sprachfachkräften und Multiplikator:innen. Oft heißt es: „Die Kinder sprechen noch nicht gut Deutsch.“ Dann weite ich den Blick: Diese Kinder bringen meist einen großen Sprachschatz mit – nur in einer anderen Sprache. Wir schauen dann gemeinsam, wie wir dialogische Interaktionen stärken können. Ein toller Ansatz ist das Konzept der „Bewegten Sprache“ nach Renate Zimmer. In heterogenen und kooperativen Gruppen verbinden wir Bewegung, Rituale, Wiederholung und Themen, die Kinder interessieren. So entsteht Struktur, Sicherheit – und ganz viel Sprache!
Was ist dir bei der Arbeit mit mehrsprachigen Kindern und ihren Familien besonders wichtig?
Zuhören und nachfragen, statt vorschnell zu handeln oder zu bewerten. Jede Familie bringt eine persönliche Geschichte mit. Entscheidend ist eine sensible Einschätzung. Familienkultur ist individuell und nicht automatisch mit einem Herkunftsland gleichzusetzen. Es geht darum, die Vielfalt der Kulturen gemeinsam zu entdecken, statt sie nur punktuell abzuhaken. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Feste sind euch wichtig? Was möchtet ihr einbringen? Und sich als Team, als Fachkraft immer wieder die Perspektivfrage stellen: Wie könnte sich die Familie gerade fühlen, in welcher Situation befindet sie sich?
Mit welchen Unsicherheiten kommen Fachkräfte häufig zu dir?
Viele fragen, ob sie ihre Herkunftssprache sprechen oder darin vorlesen dürfen. Meine Antwort: Ja – solange es sensibel geschieht und niemand ausgeschlossen wird. Herkunftssprachen sind Brücken, keine Barrieren, und regen oft neugierige Dialoge unter Kindern an. In vielen Teams gibt es große sprachliche Ressourcen, die kompetent genutzt werden können – sei es durch entsprechendes Personal oder mit digitaler Unterstützung und vielfältigen Materialien wie Büchern oder Bildkarten.
Manche sagen: „Kinder sollen doch erstmal Deutsch lernen.“ Warum ist es trotzdem wichtig, die Erstsprache zu stärken?
Sicher in der Erstsprache zu kommunizieren, ist die beste Basis, um eine weitere Sprache darauf aufzubauen – sie – sie ist also kein Hindernis, sondern ein Fundament.
Aber es gibt noch weitere wichtige Aspekte: Wenn ihre Erstsprache abgewertet wird, betrifft das ihre Identität. Die Förderung der Erstsprache stärkt das Selbstwertgefühl der Kinder und trägt dazu bei, sich sicher und wohlzufühlen – und in so einer Atmosphäre können sie am besten lernen.
Viele Eltern sorgen sich, dass mehrere Sprachen ihr Kind überfordern könnten.
Kinder sind sehr unterschiedlich. Manche sprechen sofort, andere hören lange zu und beginnen erst zu sprechen, wenn sie sich sicher fühlen. In der Regel ist Mehrsprachigkeit sprachlich und kognitiv kein Problem. Wichtig sind klare Strukturen – zum Beispiel das Prinzip „eine Person, eine Sprache“. Und natürlich ein genauer Blick: Wenn Schwierigkeiten auftreten, haben sie oft andere Ursachen als eine „sprachliche“ Überforderung.
Woran merken Eltern mit internationaler Biografie, dass sie in einer Fröbel-Kita willkommen sind?
Eine Willkommenskultur zeigt sich nicht nur in großen Projekten, sondern im täglichen Miteinander, an kleinen Gesten – Sprache ist ja nicht nur das gesprochene Wort. Sie zeigt sich am Lächeln an der Tür, daran, dass der Name richtig ausgesprochen wird (oder im Zweifel nachgefragt wird), am Ton, im ersten Gespräch. Familien spüren, ob sie mit echtem Interesse gefragt? Wird ihre Familiensprache positiv erwähnt? In unseren Kitas finden Familien in der Regel Bücher in ihrer Sprache – unser Projekt Vorlesen in allen Sprachen (ViaS) und natürlich unsere zahlreichen Kinder-Bücherboxen sind sichtbare Zeichen der Wertschätzung. Aber auch mündlich tradierte Geschichten können z.B. mit einer Toniebox aufgenommen werden, damit die Kinder sie sich regelmäßig anhören können.
Du bist Mitglied im neuen Beirat für kultursensible Pädagogik bei Fröbel. Warum engagierst du dich dort?
Durch meine Biografie – als Mutter, Mitarbeiterin, ehemalige Leitung und als bilingual aufgewachsenes Kind – bringe ich vielfältige Perspektiven mit. Der Beirat soll ein lebendiges, dynamisches Gremium sein, das echte interkulturelle Dialoge ermöglicht. Ein Raum, in dem unterschiedliche Stimmen gehört werden und gemeinsam an einer gerechteren, inklusiveren Praxis gearbeitet wird. Ich möchte dazu beitragen, Diversität selbstverständlich zu leben und Strukturen weiterzuentwickeln, die Teilhabe ermöglichen und – kurz gesagt – die Sichtweise auf Migration als „Herausforderung“ zu überwinden. Das können wir in unserem Unternehmen und in unseren Kitas natürlich nicht allein lösen.
Was möchtest du Eltern mit internationaler Biografie mit auf den Weg geben?
Ich bin aufgrund meiner privaten und beruflichen Erfahrungen eine Befürworterin des frühen Kita-Besuchs. Die Kita ist eine riesige Chance: Ihr Kind darf hier Freundschaften schließen, Deutsch als weitere Sprache lernen und gleichzeitig stolz auf seine Herkunft sein. Für viele wird die Kita zu einer Familie in einem fremden Land. Für Eltern ein wichtiger Ort der Sozialisierung. Und bitte bewahren Sie Ihre Familiensprache. Erzählen Sie Geschichten, singen Sie Lieder, sprechen Sie in der Sprache Ihres Herzens mit ihrem Kind – so lernt es weitere Sprachen am besten.
Weitere Infos
Für Familien:
- Infos zum Projekt "Vorlesen in allen Sprachen"
- Hier finden Sie unsere Kinder-Bücherboxen
Für pädagogische Fachkräfte:
- Beitrag von Renate Zimmer auf kita-fachtexte.de: "Sprache bewegt – Bewegte Sprache. Ansätze einer alltagsintegrierten Sprachbildung und Sprachförderung"
Mehr über den Fröbel-Beirat für kultursensible Pädagogik:
www.froebel-gruppe.de/verein/beirat-fuer-kultursensible-paedagogik
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