Mit unserem monatlich erscheinenden Newsletter sind Sie immer informiert über aktuelle Projekte, Themen und Veranstaltungen bei Fröbel.
„Die menschliche Fantasie ist wie ein Schlaraffenland"
Philosoph Jörg Bernardy stellte im April Hamburger Kinder und Familien sein neues Kinderbuch „Das längste Picknick der Welt“ vor. Im Interview erzählt der Autor, wie er Ideen für seine Bücher findet und was ihn an Literatur besonders begeistert.
Warum schreiben/illustrieren Sie Kinderbücher?
Im Kinderbuch ist alles möglich, deswegen liebe ich es. Angefangen habe ich mit Büchern für Jugendliche und Erwachsene. Aber das Schreiben für Kinder erlebe ich als große Bereicherung. Obwohl man sich viel mehr Gedanken über die Frage machen muss, wie man etwas ausdrückt, damit es auch wirklich verständlich ist, finde ich das Erzählen für Kinder viel kreativer, offener und auch witziger.
Sich wirklich auf die Augenhöhe mit Kindern zu begeben, empfinde ich als höchstes Privileg. Manche Dinge kann man nicht durch Nachdenken ergründen, sondern man muss sie erfahren, hat Michael Ende einmal gesagt. Das gilt insbesondere für das Erzählen, Imaginieren und Philosophieren mit Kindern.
Woher kommen die Geschichten und die Gestaltungsideen?
Von überall und nirgendwo. Denn einerseits verstecken sich die Ideen in jeder Situation, wenn man bereit ist, sich auf sie einzulassen und ihnen zu folgen. Andererseits ist jede Idee ein individueller Prozess und es braucht Mut, Vertrauen und manchmal auch sehr viel Geduld, bis daraus eine echte Geschichte entsteht. Vor allem muss man die Kontrolle abgeben und sich führen lassen können.
Es gibt aber auch Ideen, die im Nichts enden und aus denen niemals eine Geschichte wird. Oft hängen und baumeln die Ideen aber vor der eigenen Nase und warten darauf, gepflückt zu werden. Die menschliche Fantasie ist wie ein Schlaraffenland, in dem alles möglich ist. Wenn man weiß, wie man sich Zugang verschafft und das Unsichtbare sichtbar machen kann. Dieser Prozess ist für jeden Menschen individuell und anders.
Was lesen Sie selbst am liebsten?
Am liebsten lese ich Sachbücher, philosophische Essays und Novellen, also Geschichten mit maximal 120 Seiten. Ich mag die verdichtete Art des Lesens, Denkens und Schreibens, bei der viel Raum die Kraft der Imagination und eigene Gedanken entsteht. Für mich besteht die Kunst genau darin: Sich auf das Wesentliche konzentrieren, nicht abschweifen und trotzdem mit aller Wort- und Bildgewalt ein bestimmtes Motiv ausschmücken und aus verschiedenen Perspektiven erlebbar machen.
Außerdem habe ich in den letzten Jahren meine Liebe für das Bilderbuch entdeckt. Egal ob für Kinder oder für Erwachsene oder für beide, ich liebe diese prägnante und illustrierte Form, mit der man so wunderbar die Fantasie spielen lassen und Geschichten erzählen kann. Man kommt wieder in Kontakt mit seiner kindlichen Fantasie, was für mich wiederum der Schlüssel zum eigenen Schreiben ist.
Werden Bücher aus Papier irgendwann aussterben?
Ja, allerdings nur, wenn der Mensch irgendwann einmal aussterben sollte. Ansonsten glaube ich fest an die Zukunft des Buches zum Anfassen und Erleben mit allen Sinnen. Aus welchem Material es zukünftig sein wird, das werden wir sehen.
Wie gefällt Ihnen die Idee der Fröbel-Buchwerkstatt?
Mir gefällt besonders gut daran, dass sie sich an einem öffentlichen Ort befindet, der für alle zugänglich ist. Man kann einfach so reinkommen und in die Welt der Bücher und Fantasie hinein schnuppern. Damit werden Berührungsängste abgebaut und wichtige Erfahrungen ermöglicht, die ein ganzes Leben prägen können.
Abgesehen davon sind gemeinsames Denken und Erzählen, Austausch und Begegnung, Zuhören und Sprechen wichtige Säulen unserer demokratischen Öffentlichkeit. „Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde geht, wenn man sie nicht mit anderen teilt“, so lautet ein weiteres Zitat von Michael Ende. Das trifft meiner Meinung nach besonders auf das gemeinsame Erzählen, fantasievolle Denken und den freien Meinungsaustausch in der Öffentlichkeit zu.
Über den Autor
Jörg Bernardy lebt als freier Autor und Philosoph in Hamburg. Er schreibt Bücher und Texte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, u.a. für DIE ZEIT. In der „Maus zum Hören“ und „MausLive“ - den Podcast- und Radioangeboten der Maus im WDR – stellt er sich regelmäßig den philosophischen Fragen der Hörerkinder.
Über das Buch
Autor: Jörg Bernardy
Illustration: Katja Spitzer
Verlag: Peter Hammer Verlag
Erscheinungsjahr: 2025
Alter: ab 4 Jahre
Melden Sie sich für unseren Newsletter an