Aktuelles 21. September 2018 · ML

Freiräume in der pädagogischen Ausbildung

Welche Rolle spielen Freiräume in der pädagogischen Ausbildung und im pädagogischen Alltag bei FRÖBEL? Anlässlich unserer Themenwoche zum Weltkindertag geht das folgende Gespräch dieser Frage auf den Grund.

v.l.n.r.: Christoph Wildt, Julia Catrin Heinemann, Martina Erdmann-Janisch, Roswitha Schmaltz

Seit August bildet die FRÖBEL Akademie in einem 3-jährigen berufsbegleitenden Teilzeitstudium staatlich anerkannte Erzieher*innen aus. FRÖBEL stimmt dabei die Lernorte Fachschule und Kindergarten eng aufeinander ab und bietet Theorie und Praxis aus einer Hand. Die Studentinnen Julia Catrin Heinemann und Martina Erdmann-Janisch sowie Schulleiter Christoph Wildt und Semestergruppenleiterin Roswitha Schmaltz berichten von ihren Erfahrungen aus den ersten Wochen des neuen Studiengangs.

Seit zwei Wochen befinden sich Ihre Studierenden zur Präsenzphase im Haus des Lehrers in Berlin. Was war Ihnen bei der Ausbildungskonzeption wichtig in Bezug auf Freiräume?

Christoph Wildt: Uns alle, die an der Schulkonzeption beteiligt waren, verbindet ein gemeinsames Bildungsverständnis, das die vier Säulen der Bildung nach dem UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert widerspiegelt: 1. lernen, Wissen zu erwerben; 2. lernen, zusammen zu leben; 3. lernen zu handeln und 4. lernen zu sein. Dies verlangt Freiräume, um Lernen als einen aktiven, selbstgesteuerten, konstruktiven, sozialen, emotionalen und situativen Prozess zu gestalten. Mit unseren Lernformaten wie dem Lernatelier möchten wir die dazu nötigen Freiräume öffnen.

Was ist denn ein Lernatelier?

Christoph Wildt: Ein zeitlicher Raum, der genutzt wird, um sich in Gruppen eigenverantwortlich Kompetenzen zu erwerben. Das ist eine große Freiheit, trotzdem braucht es wegen der Themenvielfalt eine Struktur. Mithilfe unserer Lernbausteine, die sich in Impulse, Inputs und Aufgaben gliedern, können die Lerngruppen durch diese Themen in ihrem individuellen Tempo navigieren. Hier findet kein Unterricht im klassischen Sinne statt. Wir Lehrkräfte sind Lernbegleiter bzw. genauer: Prozessbegleiter.

Meinen Sie damit, es findet kein Frontalunterricht statt?

Roswitha Schmaltz: Nein, Frontalunterricht gibt es bei uns nicht. In den von uns entworfenen Lernsituationen werden komplexe berufliche Handlungssituationen abgebildet, die wir als Projekte umformuliert haben. Dazu gibt es passende und leitfadengestützte Lernbausteine, die im Lernatelier bearbeitet werden.

Die Studierenden unterstützen und inspirieren sich gegenseitig. Erst seit zwei Wochen betreuen und begleiten wir die Studierenden, doch wir sind überrascht, wie oft wir nun schon Situationen erlebt haben, aus denen spontan Initiativen entstanden, die wir so gar nicht hätten planen können. Beispielsweise entwickelte einer unserer Studierenden spontan und eigeninitiativ eine kleine Unterrichtseinheit, als ein komplexes Thema nur schwer verstanden wurde. Das entsteht dann einfach aus der Situation, aus der Gruppe, und solche Situationen erleben wir sehr häufig.

Dies bestätigt uns darin, dass dieses Konzept wirklich funktioniert. Wenn wir Menschen zutrauen, dass sie die Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen können und wenn wir das in ihre eigene Verantwortung übergeben, dann ergreifen sie die auch.

Wie erleben Sie diese Freiheiten denn als Studierende?

Julia Catrin Heinemann: Erst in unserer Schulphase wurde uns klar, dass unser Lernen sehr viel mit dem zu tun hat, wie wir als Erzieherinnen Freiräume bieten wollen, denn. unser Studienalltag hat sehr viel mit Selbstorganisation zu tun. Wir setzen uns als Gruppe ein Ziel und die Lehrkräfte setzen uns den Rahmen, innerhalb dessen wir uns moderieren und leiten, aber ansonsten völlig frei entscheiden können.

Beispielsweise durften wir den Unterricht eine Viertelstunde vorverlegen und die Mittagspause kürzen. Dafür bin ich sehr dankbar, weil ich Ausbildung und Privatleben so sehr gut kombinieren kann. Ein Riesenvorteil ist das virtuelle Klassenzimmer, in das ich mich von überall einwählen kann – so spare ich mir viele Wege. Und unsere Lerngruppe darf nach dem Unterricht auch noch eine Stunde länger in den Räumen bleiben oder wir treffen uns nachmittags. Generell wird uns wird viel Freiheit gelassen. Das ist erstmal auch sehr gewöhnungsbedürftig, aber wir merken jetzt auch, dass das sehr viel in uns entfaltet.

Christoph Wildt: Um Eigenverantwortung geht es auch in unserem wöchentlichen, erlebnispädagogisch orientierten Format: In unseren so genannten Challenges verlassen die Studierenden ihre Komfortzone und lernen so etwas über sich, aber auch andere. Entscheidend ist, dass diese Erfahrungen beständig reflektiert werden. Was bedeutet das für die Persönlichkeitsentwicklung und was für das professionelle Handeln?

Aber auch hier kann etwas „Zusätzliches“, etwas „Eigenes“ entstehen: Zu der letzten Challenge hat eine Gruppe einen wunderbar kreativen Film gestaltet, sich dafür die Handhabung bestimmter Programme angeeignet und damit auch medientechnische Kompetenzen erworben. Das war nicht geplant und ist natürlich toll.

Julia Catrin Heinemann: Stimmt. Uns steht auch offen, welche Medien wir gerade nutzen wollen – wie beispielsweise die Bücher in unserer offenen Schulbibliothek oder die gestellten Tablets. Auch wie wir unsere Aufgaben gestalten, steht uns offen: z.B. als Collage oder Präsentation. Ich finde das super. Ich kann genau so lernen, wie ich es möchte und wie es für mich am besten ist. Nicht zuletzt ermöglichen auch die Schulräume Freiheit. Wir sammeln uns täglich neu in anderen Kleingruppen. Wenn ich zum Lesen oder Vorbereiten aus der Gruppe kurz aussteigen möchte, kann ich mich zurückziehen. Ich kann immer das umsetzen, was ich gerade brauche.

Die Studierenden erleben also jede Menge Freiräume. Was haben die Kinder denn davon?

Roswitha Schmaltz: Da werden die Freiräume kreativ genutzt und es entsteht etwas ganz Neues, weil der Raum dazu da ist. Die Challenges sind übrigens entstanden, weil wir die Persönlichkeitsentwicklung genauso wichtig finden wie die fachliche Entwicklung. Denn unsere Studierenden haben später die ganze Zeit mit Menschen zu tun, ob Eltern, Kinder oder dem Kita-Team.

Wir wollen sie auch darin schulen, ihre eigenen Stärken zu auszubauen und daraus eine professionelle Haltung zu entwickeln. Sie sollen Dinge für sich selbst erfahren, um sich als Person, als Lernende und künftige pädagogische Fachkraft zu entwickeln. Das, was sie lernen und erfahren, sollen sie verarbeiten und reflektieren, aber auch übertragen können auf ihre spätere Situation im Beruf.

Der Raum soll da sein, um Erfahrungen einzubringen, zu reflektieren und sich gegenseitiges Feedback zu geben. Das Thema Freiraum wird also nicht als theoretischer Lerninhalt vermittelt, sondern in Form von Partizipation und Selbstwirksamkeit erfahren, gestaltet und genutzt.

Martina Erdmann-Janisch: Wir lernen intensiv unsere eigenen Schwächen und Stärken und die der anderen kennen, aber auch, wie sie sich sinnvoll kombinieren lassen. Wir versuchen, sensibel darauf einzugehen und nach einem Mittelweg zu suchen, sodass wir als Team gut funktionieren. Im klassischen Frontalunterricht spielen die Stärken und Schwächen meiner Mitschüler und Mitschülerinnen eher eine untergeordnete Rolle. Indem wir diesen Prozess beschreiten, finde ich ganz gut heraus, was mir guttut und was ich noch lernen muss. Ich glaube, dass wir das später im Kollegium und mit den Kindern auch anwenden können.

Christoph Wildt: Reflexion ist für uns dabei ganz wichtig. Die Wahrnehmungs-, Achtsamkeits- und Meditationsübungen werden immer reflektiert. Das heißt, die Studierenden überlegen, inwieweit sie fruchtbar gemacht werden können für sie selbst als Person, aber auch für ihr Handeln. Und dann kommen Antworten wie: Das ist wichtig für unser Selbst- und Konfliktmanagement, zur Gesundheitsvorsorge etc. Das heißt, es geht einerseits um Erfahrung und andererseits um eine diskursive Begründung.

Es macht keinen Sinn und kann nicht das Ziel sein, Studierenden die Querschnittsaufgaben aus dem Lehrplan wie Partizipation, Inklusion etc. zum Auswendiglernen aufzuzählen. Wir möchten, dass die Studierenden möglicherweise problematische Situationen erkennen und dann bereit sind, ihr Wissen fruchtbar zu machen und jemandem zu begegnen. Es geht auch nicht darum, Vorträge halten zu können, sondern dass sie das Wissen anwenden und begreifen.

Roswitha Schmalz: Im Prinzip geht es um pädagogisches Handeln mit Kopf, Herz und Hand, so wie es ja schon von Pestalozzi gefordert wurde. Die Konzeption der Fachschule war für uns beide eine große Chance, etwas umzusetzen, das wir als Idee schon immer mit uns herumgetragen hatten. Die Unternehmensphilosophie, die Standards und die Schulkonzeption passen einfach zusammen und wir haben jetzt die Möglichkeit, das in die Realität umzusetzen.

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