Qualität 27. März 2026 · bt

Ganztag neu denken: Fachtag der Fröbel-Horte in Frankfurt (Oder)

Wie kann ganztägige Bildung so gestaltet werden, dass sie Kinder auf eine Zukunft vorbereitet, die heute noch niemand genau kennt? Diese Frage stand im Zentrum des Fachtags der Fröbel-Horte und -Ganztagseinrichtungen am 25. März.

Im Fokus stand dabei eine zentrale Erkenntnis: Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 ist nicht nur eine organisatorische Herausforderung, sondern eröffnet die Chance, Bildung grundlegend neu zu denken.

Ganztag als gemeinsamer Lernort der Zukunft

In seinem Eröffnungsimpuls im Frankfurter Kleistforum machte Alessandro Novellino (GEW) deutlich, dass der Ganztag einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel markiert. Es gehe nicht darum, bestehende Systeme einfach auszuweiten, sondern darum, einen neuen Bildungsraum zu gestalten, in dem Lernen, Betreuung und soziale Entwicklung zusammen gedacht werden.

Ganztag könne nur dann wirksam werden, wenn er als integrierter Bildungs- und Lebensort verstanden werde, in dem Unterricht, informelles Lernen und soziale Erfahrungen miteinander verzahnt sind. Entscheidend sei dabei die Qualität der pädagogischen Interaktionen – sie bilde den Kern gelingender Bildung im Ganztag.

Gleichzeitig zeigte sich: Die Ausgangsbedingungen sind komplex. Fachkräftemangel, ungleiche Ressourcenverteilung und unterschiedliche Steuerungslogiken von Schule und Jugendhilfe erschweren die Umsetzung. Dennoch liegt genau in dieser Situation eine besondere Chance: den Ganztag bewusst als neuen Lernort zu gestalten.

Zukunftskompetenzen im Mittelpunkt

Mehrere Beiträge machten deutlich, dass es im Ganztag nicht primär um eine Verlängerung des Unterrichts geht, sondern um die Entwicklung von Kompetenzen, die Kinder für ihre Zukunft benötigen. Dazu zählen insbesondere soziale Fähigkeiten, Selbstständigkeit, Problemlösekompetenz und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit.

Ganztägige Bildung eröffnet hierfür besondere Möglichkeiten: Sie schafft Räume für projektorientiertes Lernen, für kreative Prozesse und für die Verbindung von formalen und informellen Lernsettings. Damit soll sie einen entscheidenden Beitrag leisten, um Kinder ganzheitlich zu stärken und Bildungsungleichheiten zu reduzieren.

Kooperation als Schlüssel – und Herausforderung

Ein zentrales Thema des Fachtags war die Zusammenarbeit zwischen Schule und Hort. Sie wurde von vielen Beteiligten als entscheidender Erfolgsfaktor, aber auch als größte Herausforderung beschrieben.

Die Unterschiede sind strukturell angelegt: Schule folgt stärker einer Logik von Unterricht, Leistung und Verbindlichkeit, während der Hort stärker auf Beziehung, Freiwilligkeit und informelles Lernen ausgerichtet ist. Ohne bewusste Abstimmung entstehen parallele Systeme statt eines gemeinsamen Bildungsortes.

Auch im Impuls von Prof. Dr. Nicole Zaruba vor Ort wurden weitere Spannungsfelder sichtbar:

  • unterschiedliche professionelle Selbstverständnisse von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften
  • Fragen von Status und Anerkennung
  • divergierende Lernverständnisse (formal vs. informell)
  • begrenzte Ressourcen bei Raum, Personal und Zeit

Gleichzeitig wurde deutlich: Gerade in der Verbindung dieser Perspektiven liegt ein enormes Potenzial.

Multiprofessionelle Teams als Chance

Die Beiträge aus Praxis und Forschung unterstrichen, dass multiprofessionelle Teams eine zentrale Ressource für den Ganztag sind. Unterschiedliche Kompetenzen, Blickwinkel und Erfahrungen ermöglichen es, Kinder individueller zu begleiten und vielfältige Lerngelegenheiten zu schaffen.

Damit diese Zusammenarbeit gelingt, braucht es jedoch klare Rahmenbedingungen: verlässliche Kooperationszeiten, abgestimmte Konzepte und Strukturen sowie eine gemeinsame Verantwortung für die Qualität des Bildungsangebots.

Mut zur Gestaltung

Neben den strukturellen Fragen wurde auf dem Fachtag immer wieder ein Aspekt betont: die Haltung. Ganztag erfordert Mut zur Zusammenarbeit, zur Klarheit und zum Ausprobieren neuer Wege.

Die aktuelle Situation zwingt dazu, gewohnte Strukturen zu hinterfragen. Gleichzeitig eröffnet sie die Möglichkeit, Bildung so zu gestalten, dass sie den Bedürfnissen von Kindern wirklich entspricht – über den ganzen Tag hinweg.

Gemeinsame Verantwortung für die Bildung von morgen

Der Fachtag machte deutlich: Ganztägige Bildung kann nur gelingen, wenn Schule, Hort, Träger und weitere Partner sie gemeinsam verantworten. Es geht nicht um ein Nebeneinander, sondern um ein bewusst gestaltetes Miteinander.

Die Teilnehmenden nutzten den Tag als Arbeits- und Denkraum, um konkrete Ansätze zu entwickeln und Erfahrungen auszutauschen. Dabei wurde spürbar: Der Ganztag ist kein fertiges Modell, sondern ein Entwicklungsprozess und gleichzeitig eine Einladung, Bildung neu zu denken.

Praxisaustausch als Motor für Qualität

Besonders intensiv wurde der Fachtag am Nachmittag: In den Denk- und Dialogwerkstätten rückte die Praxis in den Mittelpunkt. Hier zeigte sich das vielleicht größte Potenzial des Tages – der direkte Austausch zwischen Fachkräften, die ganztägige Bildung täglich gestalten.

In den Workshops brachten dann die Teilnehmenden ihre Erfahrungen ein. Dabei entstanden praxisnahe Ideen, wie ein qualitativ hochwertiger und zugleich erlebnisreicher Hort am Nachmittag gestaltet werden kann – von der bewussten Rhythmisierung des Tages über partizipative Angebote bis hin zur Gestaltung von Räumen, die Kindern echte Freiräume eröffnen.

Deutlich wurde: Gute Praxis ist bereits vielerorts vorhanden. Der Fachtag bot die Möglichkeit, diese sichtbar zu machen, voneinander zu lernen und Ansätze weiterzuentwickeln. Gerade in diesem kollegialen Austausch liegt bei Fröbel eine zentrale Stärke für die Weiterentwicklung des Ganztags – denn Qualität entsteht nicht nur durch Konzepte, sondern vor allem durch gelebte Praxis vor Ort.