Sprach- & Leseförderung · Kulturelle Bildung 17. Oktober 2025 · NK

Mehrsprachigkeit ist ein Glücksfall, kein Störfall

Fachtag "Sprachen und kulturelle Vielfalt in Familie und Kita" von Fröbel und dem Humboldt Forum in Berlin

Podiumsdiskussion mit Natalia Gagarina (Leibniz-Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft), Rana Alshriteh (Fröbel-Pädagogin und Absolventin der Fröbel Akademie), Laureen Schiefelbein (Kitaleitung und Marte-Meo-Beraterin) und Gianni Jovanovic (Aktivist und Unternehmer)

Wie Kitas Orte echter Verständigung werden können, in denen Mehrsprachigkeit als Stärke gilt und Rassismus keinen Platz hat, stand im Mittelpunkt des dritten gemeinsamen Fachtags von Fröbel und der Stiftung Humboldt Forum am 16. Oktober 2025. Rund 130 Fachkräfte aus Bildung, Kultur und Wissenschaft kamen am 16. Oktober 2025 in Berlin zusammen, um über gelebte Vielfalt, diskriminierungskritische Praxis und neue Wege sprachlicher Bildung zu sprechen. Bereits zur Eröffnung betonte Moderator Shai Hoffmann „Wir wollen hier einen Inkubator für Vielfalt und Verständigung schaffen.“

„Sprache ist Beziehung, Zugehörigkeit und Identität“

In der Begrüßung machten Kathrin Kollmeier (Akademie der Stiftung Humboldt Forum) und Jeanett Tschiersky (Fröbel) deutlich, wie eng sprachliche und kulturelle Vielfalt mit früher Bildung verbunden sind. „Sprache ist Beziehung, Zugehörigkeit und Identität. Sie entsteht, wenn Kinder erleben: Ich werde verstanden – in meiner Stimme, in meiner Sprache, in meinem Ausdruck“, so Tschiersky. Kollmeier hob die gemeinsame Verantwortung hervor, Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt als Bildungschancen zu begreifen und Kinder von Anfang an aktiv in kulturelle Prozesse einzubeziehen.

Wissenschaftliche Impulse: Mehrsprachigkeit als Haltung – Rassismuskritik als Aufgabe

Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebert (Humanistische Hochschule Berlin) sprach über die „sprachenbunte Kita“. Sie erinnerte daran, dass ein Drittel der Kinder in Deutschland mehrsprachig aufwächst, und plädierte dafür, Mehrsprachigkeit als gelebte Praxis zu verstehen – nicht als Abweichung vom Standard. Eine sprachenbunte Kita sei ein Ort, „an dem Beziehungen und Kommunikation mehrsprachig gestaltet werden“. Pädagogische Fachkräfte sollten ihre eigenen Sprachbiografien reflektieren und den „Zwang, möglichst nur korrektes Deutsch zu vermitteln“, ablegen. Ihr Fazit: „Mehrsprachigkeit ist ein Glücksfall, kein Störfall.“

Dr. Seyran Bostancı (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) lenkte den Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen. Sie zeigte, wie institutioneller Rassismus in der frühen Bildung wirkt – von ungleichen Zugangschancen über stereotype Routinen bis hin zu fehlenden Schutzmechanismen. „Wir wissen seit Jahren, wie wir das Potenzial von Sprachen und Kulturen positiv nutzen können – aber es funktioniert nicht, weil strukturelle Barrieren bestehen.“ Kinder mit mehreren Sprachen würden noch immer als „defizitär“ markiert, Migration, Mehrsprachigkeit und Vielfalt als Sündenböcke für systemische Probleme und Politikversagen missbraucht. Bostancı forderte eine diskriminierungskritische Transformation des Bildungssystems, ein unabhängiges Beschwerdemanagement und regelmäßige Fortbildungen für Fachkräfte zu Rassismus und Diversität.

Stimmen aus der Praxis: Vielfalt als Ressource

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Natalia Gagarina (Leibniz-Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft), Rana Alshriteh (Fröbel-Pädagogin und Absolventin der Fröbel Akademie), Laureen Schiefelbein (Kitaleitung und Marte-Meo-Beraterin) und Gianni Jovanovic (Aktivist und Unternehmer) über Wege, wie Sprachenvielfalt zur Stärkung früher Bildung im Alltag gelingt. Gagarina betonte: „Mehrsprachigkeit ist eine Grundlage für den Erwerb der deutschen Sprache. Warum reden wir immer noch davon, dass mehrsprachige Kinder Probleme haben? Wichtig ist, Kinder früh zu erreichen.“ Rana Alshriteh ergänzte: „Kinder gehen viel unbefangener mit unbekannten Sprachen um, als wir Erwachsenen denken. Familien müssen erfahren, dass ihre Sprache wichtig ist, um offen für den Erwerb einer anderen Sprache zu sein.“ Laureen Schiefelbein wünschte sich, die Leistung pädagogischer Fachkräfte stärker anzuerkennen: „Sie setzen sich täglich für Partizipation, Demokratiebildung und Teilhabe ein.“ Und Gianni Jovanovic forderte einen Perspektivwechsel: „Sprache ist Demokratie. Wir brauchen ein Bildungssystem, das Teilgabe ermöglicht und Teil gibt – ein gemeinsames Zuhause für uns alle.“

World Cafés: Mehrsprachigkeit gestalten

Am Nachmittag tauschten sich die Teilnehmenden in verschiedenen World-Cafés über Wege gelingender Mehrsprachigkeit, Spracherwerb und Verständigung aus – parallel zum Besuch der aktuellen Ausstellung „Beziehungsweise Familie“. Die Themen reichten von interkultureller Familienberatung über Sprachrevitalisierung durch Kinderbücher bis hin zu digitaler Elternkommunikation, Kulturvermittlung und Globalem Lernen. Deutlich wurde auch hier: Sprache ist nicht nur Kommunikationsmedium. Spracherwerb ist in jungen Jahren besonders wichtig und besonders vielfältig möglich. Ohne die Familien geht es nicht und Fachkräfte brauchen Anerkennung und Unterstützung. Viele Teilnehmende nahmen den Tag als Ermutigung mit, bewusster auf sprachliche und kulturelle Vielfalt zu reagieren – und sie aktiv zu leben: „Es war beeindruckend zu sehen, wie wertvoll die Arbeit der Erzieherinnen ist.“

Fotos: © Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss/Stefanie Loos, Fotos WorldCafé: Fröbel e.V./Marie Baer